Terroranschlag in London Die Helden von London

Im Zentrum Londons gedenken Menschen der Opfer der neuerlichen Terrorattacke.

(Foto: dpa)

Sie wehrten sich gegen die Attentäter mit Biergläsern, Stühlen und Skateboards. Und nach dem Anschlag schalten sie einfach auf Normalität. Über die Coolness der Londoner.

Von Christian Zaschke, London

Die Innenstadt an der London Bridge am Montagmorgen: Der Verkehr brummt durch die Straßen, die Menschen stapfen mit Montagslaune aus der U-Bahn-Station. Es ist ein typisch britischer "Sommertag", mit Temperaturen um die 15 Grad und einem gelegentlichen Schauer, was viele Briten selbstverständlich nicht davon abhält, ihre Kapitale in kurzen Hosen zu durchmessen. Das alles wäre nicht weiter der Erwähnung wert, so ist London halt, aber an diesem Montag ist es eben doch der Erwähnung wert.

Kann das wirklich sein? Kann eine Stadt, die soeben zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten Ziel eines Terrorangriffs geworden ist, einfach so zum Alltag übergehen?

Am Samstagabend hatten drei Männer einen Lieferwagen auf die London Bridge gesteuert und in hohem Tempo Passanten angefahren. Am südlichen Ende der Brücke verließen sie den Wagen, mit Messern bewaffnet liefen sie zum Borough Market. Die Terroristen stachen wahllos auf Menschen ein, sieben wurden getötet, 48 verletzt. Um 22.08 Uhr erreichte der erste Notruf die Polizei. Acht Minuten später waren die drei Attentäter tot.

Für ihren Humor ist die britische Hauptstadt berühmt

Es ist nach solch fürchterlichen Anschlägen immer leicht gesagt, dass die Bevölkerung sich nicht unterkriegen lasse, dass der Terror nicht gewinnen dürfe und all das. Natürlich hinterlässt der Terror Spuren, und es wird mit Sicherheit Menschen in London geben, die es in den kommenden Wochen vermeiden werden, eine der Brücken über die Themse zu betreten. Aber sehr viele Londoner haben gezeigt, dass sie sich keinesfalls unterkriegen lassen, und zwar mit Mut und mit Humor.

Zunächst waren da diejenigen, die sich in der Nacht den Angreifern entgegengestellt haben. Sie bewarfen sie mit Biergläsern oder attackierten sie mit Stühlen. Wohlgemerkt: Sie attackierten mit einfachsten Mitteln mit Messern bewaffnete Männer, die so aussahen, als trügen sie Sprengstoffwesten. Ein Polizist ging mit seinem Schlagstock auf die Terroristen los. Er wurde verletzt. Ein spanischer Banker verteidigte eine Frau, auf die eingestochen wurde, mit seinem Skateboard. Ein rumänischer Bäcker bewaffnete sich, als er bemerkte, was da vor sich ging, mit zwei Holzkisten und ging den Terroristen entgegen. Er warf die erste, und als der Täter sich duckte, schlug er ihm mit der zweiten auf den Kopf. Dann übernahm die Polizei.

Für ihren Humor ist die britische Hauptstadt ohnehin berühmt. In den sozialen Medien wurde ein Mann gefeiert, der auf der Flucht darauf achtete, nur ja sein Bier nicht zu verschütten. Der Tenor: So fliehen eben nur Londoner. Und außerdem sei das verständlich, schließlich koste ein Pint in der teuren Gegend rund um den Borough Market mehr als fünf Pfund. Selbst die Washington Post berichtete über den "unwahrscheinlichen Helden" der Anschlagsnacht. Das war natürlich alles nicht ganz ernst gemeint, aber es sagt doch einiges über ein Volk, das einen Mann feiert, der im Anblick des Terrors sich und sein halb volles Glas Bier in Sicherheit bringt.

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