bedeckt München 29°

Terror von Boko Haram in Nigeria:Ein Monster, das nicht mehr steuerbar ist

Denkbar wäre es. Im nächsten Jahr sind Präsidentschaftswahlen in Nigeria, und der Aufgalopp dazu war noch stets von Gewalt und üblen Machenschaften geprägt. Im Norden wollen sie den aus dem Süden stammenden Christen Jonathan unbedingt loswerden, ohne dass man freilich schon erkennen könnte, welcher Nordpolitiker davon profitieren sollte. Wäre dies tatsächlich das miese Spiel, dann freilich hätte man um eines möglichen politischen Vorteils willen ein Monster geschaffen, das längst ein Eigenleben führt und nicht mehr steuerbar ist.

Doch das ist eine Verschwörungstheorie, die nur ablenkt vom eigentlichen Problem, und das ist die Misere des Nordens. Speziell im Nordosten, der Hochburg von Boko Haram, kann nur jede vierte Frau lesen und nur jeder zweite Mann. Nichts müsste dort mehr gepflegt, gefördert und mit entsprechenden Finanzmitteln ausgestattet werden als das Schulwesen, doch so ist es nicht. Seit der Entführung der Schulmädchen von Chibok sind fast alle Schulen geschlossen - "da geht es", sagt Idayat Hassan, "zurück Richtung Steinzeit".

Die Aktivistin fordert einen Marshall-Plan, ein großes und umfassendes Entwicklungs- und Aufbauprogramm, das vom Bildungs- und Gesundheitswesen bis zur Infrastruktur und Landwirtschaft reichen müsste mit dem Ziel, den Norden zumindest wieder an die anderen Landesteile anzuschließen. Doch kaum gefordert, hat sie auch schon Zweifel, ob so etwas in Nigeria überhaupt machbar wäre. Ob das Geld, sollte es jemals bewilligt werden, letztlich nicht doch wieder in den Taschen von Politikern verschwinden würde.

Faktisch ist Nigeria eine käufliche Demokratie

Es gibt in Nigeria kein Vertrauen in die politische Führung. Formal ist Nigeria nach der langen Phase von Putschen und Gegenputschen eine Demokratie, das Führungspersonal wird alle paar Jahre gewählt. Faktisch jedoch ist es eine käufliche Demokratie, Wahlen werden durch Geld entschieden.

Eine starke Zivilgesellschaft könnte diesen Zuständen vielleicht etwas entgegensetzen, Ansätze dazu gibt es. Es ist ja nicht so, dass es an klugen und gebildeten Menschen fehlte in Nigeria, sie begegnen einem ständig, und es ist eine Freude, sie zu treffen. Aber in einem Land, das so viele Zumutungen bereithält, sind fast alle nur mit Überleben beschäftigt.

Die Tragödie ist, dass der Einzelne sich auf niemanden verlassen kann in Nigeria. Nicht auf die Politiker, auf die sowieso nicht, aber erst recht nicht auf jene Kräfte, die als Ordnungsfaktoren ja auch noch in Frage kämen. Die Polizei gilt als notorisch korrupt und unzuverlässig, und das Militär hat einen Ruf als brutale und grausame Haudrauf-Truppe, der keine Form von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen fremd ist und die so den Konflikt mit Boko Haram überhaupt erst zu dem Krieg angeheizt hat, der er inzwischen ist.

Ein Staat, der für seine Bürger nicht sorgt und sie nicht schützt, ist ein "failed state", sagt Bibi Bakare-Yusuf, die Verlegerin - ein Staat, der versagt hat. Seit der Entführung der Mädchen hört sie jetzt manchmal im Gespräch den Satz "Ich schäme mich für mein Land". Bakare-Yusuf sagt dann: "Erst jetzt?"

© SZ vom 07.06.2014/olkl/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB