Süddeutsche Zeitung

Terror von Boko Haram in Nigeria:Mit dem Überleben beschäftigt

"Unsere politischen Führer sind immun gegen unsere Schreie": Fast kein Tag vergeht in Nigeria ohne neue Opfer des Terrors. Die politische Klasse des Landes gibt ein erbärmliches Bild ab. Vor allem der muslimische Norden sackt immer weiter ab - dies scheint sich in der Zerstörungswut von Boko Haram zu spiegeln.

Von Stefan Klein

Schreckliches Land. Großartiges Land. Die Achtzigerjahre, nur mal als Beispiel: Ende 1983 putscht das Militär, es ist einer von vielen Militärputschen in der Geschichte Nigerias. Die Macht übernimmt ein General, es kommt zu schwersten Menschenrechtsverletzungen. Kurz danach der Gegenputsch durch einen anderen General. Und dann? Wird der Nigerianer Wole Soyinka als erster Afrikaner überhaupt mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Es ist eine Auszeichnung auch für die überaus produktive Literaturszene des Landes. Im selben Jahr putscht erneut ein General. Der Mann, auch als Dichter bekannt, wird zusammen mit zehn anderen Putschisten hingerichtet.

Ein Land im permanenten Schleudergang, nur dass die kurzen Momente von Stolz oder gar Glück im Laufe der Zeit immer seltener werden. Heute ist Nigeria das Land, in dem zwei-, dreihundert Schulmädchen, die genaue Zahl kennt keiner, aus ihrem Internat entführt werden und ohne eine Spur verschwinden können, einfach so.

Es ging ja schon los mit Gewalt. Biafra, Sezessionskrieg, die Kinder mit den Hungerbäuchen. Ende der Sechzigerjahre war das. Dabei lag durchaus Segen über dem Land, ein natürlicher Reichtum, doch die gewaltigen Erdölfunde im Nigerdelta wurden stattdessen zu seinem Fluch. Denn das Geld, das seither in Strömen fließt, wird nicht genutzt zur Entwicklung des Landes, sondern missbraucht als Schmiermittel für die schmutzigen Geschäfte einer hochkorrupten Kaste.

"Unsere politischen Führer sind immun gegen unsere Schreie"

Politische Gewalt, gefälschte Wahlen, Machtmissbrauch, Nigeria wird tief hineingezogen in einen Abwärtsstrudel. Heute hat das Land mehr arme Menschen als zur Unabhängigkeit vor 54 Jahren. Von seinen 170 Millionen Menschen müssen weit mehr als die Hälfte mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Die Verlegerin Bibi Bakare-Yusuf sagt: "Wir leben wie in einem bösen Traum, unsere politischen Führer sind vollkommen immun gegen unsere Schreie." Es ist eine Privilegierte, die das sagt; es lässt ahnen, wie es um die große Mehrheit der Armen steht. Vor allem um die im Norden des Landes.

Nigeria besteht aus zwei Hälften. Einem überwiegend christlichen Süden und einem überwiegend muslimischen Norden. Das eigentliche Problem ist jedoch nicht die religiöse Spaltung, sondern die soziale. Nigeria wurde meistens von Präsidenten aus dem Norden regiert, trotzdem ist dieser Landesteil zum Notstandsgebiet geworden. Er hat mehr Arbeitslose als der Süden, mehr Analphabeten, mehr Armut, mehr Unterernährung, mehr Müttersterblichkeit. Es ist eine soziale Katastrophe, die sich im Norden Nigerias ereignet hat. Und die Antwort darauf ist: Boko Haram.

Absehbar und zwangsläufig sei diese Antwort gewesen, sagt Idayat Hassan, die Anwältin ist und Aktivistin. So absehbar wie alle anderen muslimischen Aufstände vorher. Der Norden Nigerias hat eine lange Geschichte von Revolten, und die Stoßrichtung gegen alles Westliche ist keineswegs eine Erfindung von Boko Haram. Sie war schon typisch für die Maitatsine-Bewegung in den Achtzigerjahren, die ebenfalls militant war und vom Militär mit Mühe unterdrückt wurde. Seither ist der Norden noch weiter abgesackt, und dies scheint sich in der Zerstörungswut von Boko Haram zu spiegeln.

Entführungen, Sprengfallen, Bomben, Selbstmordattentate, Überfälle, fast kein Tag vergeht ohne ein neues Opfer der Terrorsekte. Erst am Donnerstag feuerten Kämpfer von Boko Haram in einem Dorf auf eine Menge, die sich zum Gebet versammelt hatte. Mindestens 40 Menschen starben. Kein Tag auch, an dem nicht spekuliert würde, wer hinter all dem steckt und ob es nicht doch politische Verbindungen gibt.

Theorien gibt es zuhauf, und die kreisen vor allem um das erbärmliche Bild, das Präsident Goodluck Jonathan abgibt, hilflos, untätig, ohne eine schlüssige Antwort auf den Terror, und daran knüpft sich die Vermutung, dass Politiker aus dem Norden Boko Haram instrumentalisiert haben, um dem Präsidenten zu schaden.

Ein Monster, das nicht mehr steuerbar ist

Denkbar wäre es. Im nächsten Jahr sind Präsidentschaftswahlen in Nigeria, und der Aufgalopp dazu war noch stets von Gewalt und üblen Machenschaften geprägt. Im Norden wollen sie den aus dem Süden stammenden Christen Jonathan unbedingt loswerden, ohne dass man freilich schon erkennen könnte, welcher Nordpolitiker davon profitieren sollte. Wäre dies tatsächlich das miese Spiel, dann freilich hätte man um eines möglichen politischen Vorteils willen ein Monster geschaffen, das längst ein Eigenleben führt und nicht mehr steuerbar ist.

Doch das ist eine Verschwörungstheorie, die nur ablenkt vom eigentlichen Problem, und das ist die Misere des Nordens. Speziell im Nordosten, der Hochburg von Boko Haram, kann nur jede vierte Frau lesen und nur jeder zweite Mann. Nichts müsste dort mehr gepflegt, gefördert und mit entsprechenden Finanzmitteln ausgestattet werden als das Schulwesen, doch so ist es nicht. Seit der Entführung der Schulmädchen von Chibok sind fast alle Schulen geschlossen - "da geht es", sagt Idayat Hassan, "zurück Richtung Steinzeit".

Die Aktivistin fordert einen Marshall-Plan, ein großes und umfassendes Entwicklungs- und Aufbauprogramm, das vom Bildungs- und Gesundheitswesen bis zur Infrastruktur und Landwirtschaft reichen müsste mit dem Ziel, den Norden zumindest wieder an die anderen Landesteile anzuschließen. Doch kaum gefordert, hat sie auch schon Zweifel, ob so etwas in Nigeria überhaupt machbar wäre. Ob das Geld, sollte es jemals bewilligt werden, letztlich nicht doch wieder in den Taschen von Politikern verschwinden würde.

Faktisch ist Nigeria eine käufliche Demokratie

Es gibt in Nigeria kein Vertrauen in die politische Führung. Formal ist Nigeria nach der langen Phase von Putschen und Gegenputschen eine Demokratie, das Führungspersonal wird alle paar Jahre gewählt. Faktisch jedoch ist es eine käufliche Demokratie, Wahlen werden durch Geld entschieden.

Eine starke Zivilgesellschaft könnte diesen Zuständen vielleicht etwas entgegensetzen, Ansätze dazu gibt es. Es ist ja nicht so, dass es an klugen und gebildeten Menschen fehlte in Nigeria, sie begegnen einem ständig, und es ist eine Freude, sie zu treffen. Aber in einem Land, das so viele Zumutungen bereithält, sind fast alle nur mit Überleben beschäftigt.

Die Tragödie ist, dass der Einzelne sich auf niemanden verlassen kann in Nigeria. Nicht auf die Politiker, auf die sowieso nicht, aber erst recht nicht auf jene Kräfte, die als Ordnungsfaktoren ja auch noch in Frage kämen. Die Polizei gilt als notorisch korrupt und unzuverlässig, und das Militär hat einen Ruf als brutale und grausame Haudrauf-Truppe, der keine Form von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen fremd ist und die so den Konflikt mit Boko Haram überhaupt erst zu dem Krieg angeheizt hat, der er inzwischen ist.

Ein Staat, der für seine Bürger nicht sorgt und sie nicht schützt, ist ein "failed state", sagt Bibi Bakare-Yusuf, die Verlegerin - ein Staat, der versagt hat. Seit der Entführung der Mädchen hört sie jetzt manchmal im Gespräch den Satz "Ich schäme mich für mein Land". Bakare-Yusuf sagt dann: "Erst jetzt?"

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Quelle:
SZ vom 07.06.2014/olkl/jobr
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