SZ-Serie "Schaffen wir das", Folge 13:"Stark wie ein Löwe schaue ich nach vorne"

Hunderttausende Menschen sind seit 2015 nach Deutschland gekommen, viele flohen vor Krieg und Verfolgung. Nun träumen sie von einer Firmengründung, von Freiheit und Liebe - oder einfach von einer eigenen Küche.

Von Jasmin Siebert

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Mein Schutzengel war ein Mann aus Nigeria

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Rufta Essak, 21, aus Eritrea, seit 2014 in Deutschland:

"Ich bin zahnmedizinische Fachangestellte im zweiten Lehrjahr. Unser Team ist international, aber untereinander sprechen wir nur Deutsch. Alle sind so hilfsbereit, und ich wollte immer etwas arbeiten, wo ich auch meinen Kopf benutzen darf. Deswegen gefällt es mir hier so gut.

In der Grundschule war ich Klassenbeste, doch dann gab es keinen guten Unterricht mehr, weil viele Lehrer Eritrea verlassen hatten. Das erste Mal weggelaufen bin ich mit 13. Die Polizei steckte mich ins Gefängnis. Dort waren sogar neunjährige Kinder. Ich sollte zum Militär, doch ich wurde so krank, dass ich nach acht Monaten in Haft zurück zu meiner Familie durfte. Ich saß den ganzen Tag zu Hause, dabei wollte ich unbedingt eine gute Schule besuchen. Mit 15 bin ich mit meiner Cousine nach Äthiopien geflohen, zwei Jahre später alleine nach Europa. Auf dem Weg durch die Sahara war ich die Kleinste in unserer Gruppe. Mein Schutzengel war ein Mann aus Nigeria, so alt wie mein Papa. Er hat mich beschützt, als libysche Männer mich vergewaltigen wollten.

Das erste Jahr in München war schwierig für mich. Lange war ich allein für mich verantwortlich, plötzlich kümmerten sich Betreuer um mich und ich sollte um zehn zu Hause sein. Zwei meiner sechs Geschwister sind auch in Deutschland, aber ich möchte nicht bei ihnen leben. Ich möchte es allein schaffen. Zum Glück bin ich fast immer gut drauf. Inzwischen habe ich ein eigenes Appartement und ein Sparbuch. Ich spare für den Führerschein und um eines Tages meinen Papa in Israel zu besuchen. Ich habe ihn zuletzt gesehen, als ich neun war."

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Stark wie ein Löwe

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Esther Kamara, 22, aus Sierra Leone, seit 2012 in Deutschland:

"Schau, da sitzt ein Löwe! Ohne Angst, konzentriert und zufrieden mit sich selbst blickt er in die Ferne. So will ich auch sein! Seit zwei Jahren begleitet mich das Mottoziel: 'Stark wie ein Löwe schaue ich nach vorne!' Ich habe es bei ,In Via' erarbeitet. Das ist eine Organisation, die Geflüchtete während ihrer Ausbildung betreut. In meinem Zimmer hängen ein Löwenfoto und ein Kreuz. Jesus ist der Mittelpunkt meines Lebens, ich bin gläubig. Eines Morgens bin ich aufgewacht und hatte ein Gedicht im Kopf, es heißt 'Alles wird gut'. Ich schreibe auch Lieder, als Kind habe ich im Gospelchor gesungen.

Geboren wurde ich in Sierra Leone. Mein Vater ist im Krieg gestorben, und ich bin mit einer Begleiterin nach Europa gekommen. Ich wurde schlecht behandelt und bin weggelaufen. In München habe ich meinen Quali gemacht und eine Ausbildung in der Apotheke angefangen. Doch es war zu schwierig, und ich wurde diskriminiert. Jetzt bin ich im zweiten Lehrjahr in einer Zahnarztpraxis und es gefällt mir super. Ich wollte immer etwas mit Medizin machen. Mein Chef fliegt nach Südamerika und Indien und behandelt dort kostenlos arme Kinder. Das möchte ich später auch machen. Ich bin Mitglied beim Arbeiter-Samariter-Bund. Vor vier Jahren klopfte ein Mann an meine Tür, seitdem spende ich einmal im Jahr Geld und lese die Mitgliederzeitung. Und in den Sommerferien helfe ich ehrenamtlich ein paar Tage im Seniorenheim, die brauchen doch Leute. 'Fass mich nicht an!', rufen die einen. 'Bleib doch!', bitten die anderen."

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Kleidung kaufen? Nein, Farbe!

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Zyad Anzo, 31, aus Syrien, seit 2015 in Deutschland:

"Ich habe hier in Nürnberg ein neues Leben angefangen. Seit Februar 2017 wohne ich bei einer sehr netten Frau zur Untermiete. Sie hat viele Bücher. Das tröstet mich etwas darüber hinweg, dass ich meine 1000 Bücher und 3000 Filme in Damaskus zurücklassen musste. Gott sei Dank habe ich richtige Freunde gefunden. Sie sind alle Deutsche, ich habe kaum Kontakt zu anderen Syrern. Ich koche Arabisch für sie oder wir grillen zusammen. Fränkisch kann ich auch schon, 'Bassd scho' und 'Allmächd' sind meine Lieblingswörter.

Beim Café International der Kirche habe ich eine Künstlerin kennengelernt. Sie ließ mich in ihrem Atelier malen und hat mir auch geholfen, eine Wohnung zu finden. Ich hatte anfangs wenig Geld und überlegt: Kleidung oder Farbe? Ich entschied mich für Acrylfarbe. Kommenden Samstag eröffne ich meine dritte Ausstellung. Manchmal male ich wochenlang nicht, dann wieder jeden Tag, immer abstrakt. Weil es schwierig ist, von der Kunst zu leben, hatte ich Jura studiert. Mir fehlte noch ein Semester, als ich fliehen musste. Bis vor Kurzem bin ich jeden Morgen um 3.45 Uhr aufgestanden und habe Zeitungen ausgetragen, zwei Jahre lang. Nun mache ich eine Ausbildung zum Zahntechniker. Ich habe mich für den Beruf entschieden, weil Zähneformen auch Kunst ist.

In meinem Wohnzimmer habe ich überall Zettel aufgehängt, mit Sprichwörtern, aber auch, um mir Dativ und Akkusativ zu merken. Die Hose, die an dem Nagel neben der Tür hängt, trug ich von Damaskus bis nach Nürnberg. Wenn ich sie anschaue, hilft mir das weiterzumachen."

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Die verbotene Liebe ist endlich erlaubt

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Mary Masuka Pius (links), 25, aus Tansania mit Sylvia Kizza Nakate, 31, aus Uganda, beide seit 2016 in Deutschland:

"In unseren Heimatländern bist du der Teufel, wenn du lesbisch bist. Wir wussten beide schon früh, dass wir Frauen lieben. Trotzdem wurden wir als Teenager gezwungen, Männer zu heiraten. Beide haben wir unsere Eltern verloren, als wir klein waren. Heimlich hatten wir Freundinnen. Einmal küsste ich meine damalige Freundin in einer Bar. Dann nahmen wir uns ein Zimmer. Männer filmten uns durchs Fenster, andere brachen die Tür auf und verprügelten uns mit Stöcken. Wir bluteten am ganzen Körper, ich habe heute noch Narben. Wir wurden zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ich flüchtete und hörte nie mehr etwas von meiner Ex-Partnerin.

Ähnlich Schlimmes hat Sylvia erlebt. Doch ihr Asylantrag wurde im Gegensatz zu meinem abgelehnt. Ich hab sie zum ersten Mal im Juli gesehen. Sie tanzte auf der Straße vor dem Sub, einem Kulturzentrum für Homosexuelle in München. Bald waren wir ein Paar. Leider sind in Sylvias Wohngruppe keine Übernachtungsgäste erlaubt, und ich teile ein Zimmer mit anderen Frauen.

Wenn wir besser Deutsch können, möchten wir beide Krankenpflegerin werden und in einem Schwesternwohnheim wohnen. Schon als Kind habe ich die Schwestern mit ihren weißen Hauben bewundert. In Deutschland fühlen wir uns sicher. Wir halten Händchen und küssen uns auf der Straße. Doch ich nehme jeden Tag eine kleine Pille, um all das Schlimme, was war, zu vergessen. Wir mussten beide unsere Kinder zurücklassen. Oft spüre ich eine tiefe Traurigkeit in mir."

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Im Container ohne Küche

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Dmytro Skyrta, 32, mit Olena Olkhovets, 24, Adelina, 1, und Mia, drei Monate, aus der Ukraine, seit 2017 in Deutschland:

"Mehr als alle Bücher motiviert uns unsere Tochter Adelina, Deutsch zu lernen. Wir sind Ukrainer, aber das kleine Mädchen ist deutsch. Sie geht in die Krippe und plappert ihre ersten Worte auf Deutsch. Ich bin Jurist und habe als Finanzexperte gegen Korruption gekämpft. Mit einer gefälschten Anklage sollte ich verhaftet werden. Im März 2017 haben wir uns in Kiew ins Flugzeug gesetzt. Nach einem halben Jahr bekamen wir einen negativen Asylbescheid. Wir haben dagegen geklagt, das ist unsere einzige Chance auf ein Leben in Freiheit. Ich möchte meine Töchter aufwachsen sehen! Unsere Anwältin ist sich sicher, dass wir Asyl bekommen werden. Doch leider wird es noch dauern, bis unsere Klage verhandelt wird, da die Gerichte überlastet sind. Es ist traurig, dass wir bis dahin so viel Zeit verschwenden.

In der Ukraine war ich sehr beschäftigt, ich hatte eine Eigentumswohnung und viel Geld. Olena ist Grundschullehrerin, sie würde gerne wieder mit Kindern arbeiten. Aber solange wir nicht anerkannt sind, dürfen wir nicht arbeiten und haben kein Recht auf einen Deutschkurs. Zum Glück haben wir den kostenlosen Kurs gefunden. Wir leben in einem Flüchtlingscamp in Ingolstadt. In unserem Container dürfen wir nicht kochen, selbst Wasserkocher werden konfisziert. Das Essen in der Kantine schmeckt furchtbar. Wenn du Kinder hast und nicht selbst kochen darfst, ist das sehr schwierig. Wir haben deutsche Freunde, die uns oft einladen. Sie würden uns bei sich wohnen lassen, doch das ist verboten."

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Bachelor im Flüchtlingscamp

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Faysal Mahamed, 29, aus Somalia, seit 2015 in Deutschland:

"Als ich im November 2015 nach München kam, fiel mir auf, dass die Menschen ständig Brezen essen. Meine erste Breze schmeckte mir überhaupt nicht: zu salzig und trocken, überhaupt nicht süß. Aber inzwischen liebe ich Butterbrezen. In Somalia ist die Küche für Männer tabu. Kochen habe ich erst hier gelernt, bei der Culture Kitchen. Das ist ein ehrenamtliches Kochprojekt, bei dem jedes Mal ein Gericht aus einem anderen Land zubereitet wird. Ich koche am liebsten schnelle Sachen, Schnitzel mit Salat und Pommes zum Beispiel.

Mein Traum ist es, Professor zu werden. Ich bin einer der ersten geflüchteten Studenten, die an der Technischen Universität München für ein reguläres Studium zugelassen wurden. Im Oktober habe ich den Master "Land Management" begonnen, ich bekomme zwei Stipendien.

Seit ich zwölf war, habe ich mit meiner Familie in mehreren Flüchtlingscamps im somalisch-äthiopischen Grenzgebiet gelebt. Am Wochenende boten Dozenten von einer äthiopischen Uni Kurse an. Ich lernte Englisch und schloss den Bachelor "Ländliche und landwirtschaftliche Entwicklung" ab. Dann arbeitete ich für eine Wohltätigkeitsorganisation, bis ich wegen Clanstreitereien verhaftet wurde. Gegen Kaution kam ich frei und flog in die Türkei. Meine Tochter war da erst wenige Wochen alt. Wegen neuer Eskalationen musste inzwischen auch meine Frau mit ihr und unseren vierjährigen Zwillingen fliehen. Natürlich würde ich meine Familie gerne nachholen, doch ich kann verstehen, dass das dauert. Die Deutschen haben schon mehr als genug für uns getan, ich weiß gar nicht, wie ich danke sagen soll."

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Ein Helfer hofft auf Hilfe

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Jalal Abdallah, 47, aus dem Irak, seit 2015 in Deutschland:

"Terroristen haben 2007 meine Schwester erschossen. Als ich versuchte, sie zu retten, wurde ich am Rücken getroffen und bin seitdem vom Brustkorb abwärts gelähmt. Weil ich die Gesichter der Mörder kenne, musste ich mich verstecken. Meine Mutter verkaufte unser Haus, um meinen Flug nach München zu finanzieren. Wegen Dekubitus war ich erst eine Woche im Krankenhaus, dann wurde ich in einem Asylheim in Germering untergebracht. Weil ich sieben Sprachen spreche, gab mir die Stadt einen Minijob als 'Asylmittler': Ich habe andere Asylbewerber bei Behördengängen begleitet, bei der Tafel und in der Kleiderkammer mitgeholfen. Dabei habe ich nicht nur übersetzt, sondern auch bei Konflikten vermittelt. In meinem Zeugnis steht: ' . . . zeigt eine Einsatzbereitschaft, die alle Erwartungen übertrifft.' Finanziert durch Spenden bekam ich meinen Elektrorollstuhl. Es war ein guter Start.

Dann aber wurde mein Asylantrag abgelehnt, ich habe dagegen geklagt. Auf dem Heimweg vom Gericht hörte ich am Münchner Hauptbahnhof Schreie. Ein Mann bedrohte die Verkäuferin eines Tabakladens. Ich bin hingerollt und habe auf ihn eingeredet, bis die Polizei kam. Die Verkäuferin sagte, ich hätte ihr Leben gerettet. Ein paar Wochen später bekam ich Post: Ich solle ausreisen. Ich war schockiert. Im Irak habe ich niemanden. Behinderte Menschen werden dort stigmatisiert. Nun bin ich im Krankenhaus und wurde achtmal operiert. Ich bin schwerbehindert, habe kein Geld und meine Duldung ist abgelaufen. Immer helfe ich allen, nun brauche ich selbst Hilfe."

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Mit dem Papa beim Elternabend

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Asif Abdullah Haidary, 16, aus Afghanistan, seit 2015 in Deutschland:

"Als im Auto meines Bruders eine Bombe explodierte, beschloss mein Vater, dass wir Söhne fliehen müssen. Er war Chefredakteur einer regimekritischen Zeitung in Kabul und wurde immer wieder bedroht. Mit zwei meiner Brüder, meiner Schwägerin und zwei Neffen bin ich im September 2015 nach München gekommen. Mein Bruder Arif und ich trainieren dreimal die Woche Karate, ich habe den blauen Gürtel. Ich gehe in die zehnte Klasse und will die Mittlere Reife machen. Mein Berufsziel ist Polizist. Unsere Eltern wollten eigentlich in Kabul bleiben. Doch dann gab es einen Anschlag, ich sah ein Video davon. Plötzlich lief mein Vater durchs Bild, er wollte meinem Cousin helfen, der verlor beide Beine. Danach konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren und fing eine Psychotherapie an.

Den Antrag auf Familiennachzug stellten wir bei der deutschen Botschaft in Delhi, weil die in Afghanistan geschlossen ist. Mehr als 100 Blätter füllten wir aus und schickten sie per Mail hin und her. Wir waren gerade in der Umkleide nach dem Training, als unser älterer Bruder anrief, im Juli war das. Wir dachten, er macht einen Witz. Doch am 1. August um 18 Uhr landeten meine Eltern wirklich in München. Nun wohnen wir zu neunt auf 65 Quadratmetern. Zum Lernen fehlt mir oft die Ruhe. Aber wir haben ein Sprichwort: Wenn das Herz groß ist, ist genug Platz für alle. Früher war ich beim Elternabend in der Schule der Einzige, der mit einer Betreuerin dort war. Neulich war mein Vater zum ersten Mal dabei. Das war etwas ganz Besonderes. Ich war so stolz, es geht mir jetzt viel besser."

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Drei Bewerbungen, drei Zusagen

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Mohamed Barre, 20, aus Somalia, seit 2015 in Deutschland:

"Seit ich in Deutschland bin, hat mir meine Patenfamilie am meisten geholfen. Die hat mir der Verein Münchner Mentoren vor zwei Jahren vermittelt. Meine Paten haben mir einen Schwimm- und einen Englischkurs gezahlt. In Somalia war ich zwar zwölf Jahre lang in der Schule, aber dort habe ich nur Arabisch gelernt. Meine Patenfamilie besuche ich jede Woche und ich war auch im Italienurlaub dabei. Ich spiele Fußball in der Kreisklasse und habe mich von Anfang an gut zurechtgefunden. Natürlich habe ich schon gehört, dass Geflüchtete angegriffen worden sind. Mir ist Gott sei Dank noch nie etwas passiert, ich habe auch keine Angst. Wenn jemand schimpft, gehe ich einfach weg. Es gibt immer überall gute und schlechte Leute, unter den Geflüchteten genauso wie unter den Deutschen.

Im September habe ich eine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik angefangen. Ich hatte drei Bewerbungen geschrieben, wurde zu drei Gesprächen eingeladen und bekam überall eine Zusage. Ich habe mich dann für die Stelle bei der Ludwig-Maximilians-Universität entschieden. Bei den Einführungsveranstaltungen für Mediziner habe ich mich um die Technik gekümmert: dass die Videoübertragung und die Verdunkelung funktionieren. Nebenbei habe ich bei den Vorlesungen zugehört. Medizin ist ganz schön schwierig, so viele lateinische Begriffe. Ich möchte später auch studieren, wahrscheinlich Elektrotechnik. Bis vor Kurzem habe ich in einem Asylheim gewohnt. Wenn ich lernen musste, wollte mein Zimmergenosse schlafen, und umgekehrt. Zum Glück habe ich nun mein eigenes Zimmer in einer WG."

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Volleyball gegen den Frust

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Said Nura Aliye, 21, aus Äthiopien, seit 2015 in Deutschland:

"Warum darf ich nicht normal arbeiten? Ich bekomme einfach so jeden Monat 300 Euro aufs Konto. Ich will dieses Geld vom Amt nicht. Es ist doch kein Wunder, wenn die Deutschen über uns Flüchtlinge schimpfen. Ich bin jung und gesund.

Mit 17 wurde ich bei einer Demonstration für die Rechte meiner Volksgruppe verhaftet. Ich bin Oromo und Demonstrieren ist in Äthiopien verboten. Wir waren 16 Leute in einer engen Zelle, drei waren dem Tode nahe. Ich wurde gefoltert, bis ich bewusstlos war. Nach drei Monaten kaufte mein Vater mich frei und ich bin sofort geflohen. Sudan, Libyen - es war die Hölle. Einmal wollte ein Flüchtling nur etwas trinken - der Schlepper erschoss ihn. Als ich im August 2015 in München ankam, sprachen am Bahnhof alle Englisch. Erst als ich die deutsche Flagge im Polizeipräsidium sah, begriff ich, wo ich gelandet war.

Seit eineinhalb Jahren wohne ich in einem ehemaligen Hotel in Nürnberg, das Zimmer teile ich mit einem anderen Äthiopier. Um aus der Unterkunft rauszukommen, fahre ich mit dem Fahrrad herum und spiele dreimal in der Woche Volleyball. Nach dem Training gehen wir oft zusammen etwas trinken, aber einen deutschen Freund habe ich noch nicht gefunden. Ich lerne jetzt Altenpflegehelfer in einem speziellen Projekt für Geflüchtete. Schon in meiner Berufsintegrationsklasse waren fast nur Äthiopier. Das finde ich nicht gut. Lieber würde ich mit Deutschen den Unterricht besuchen und zusammenarbeiten, um die Sprache endlich richtig zu lernen. Aber ohne Aufenthaltsgenehmigung darf ich keine normale Ausbildung machen."

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Mit seinen Geigen ins Schlauchboot

Wail Dabous, geflüchteter Syrer in München mit Geige - IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Matthias Ferdinand Döring

Wael Dabous, 27, aus Syrien, mit seiner Frau Fadyia Fadlyah, 26, seit 2016 in Deutschland:

"Ich liebe meine Geigen, ohne sie kann ich nicht leben. Deswegen habe ich sie mitgenommen, als ich aus Aleppo fliehen musste. Dort hatte ich mit meiner Familie gelebt und arabische Literatur studiert. Ein Jahr lang habe ich in Istanbul Straßenmusik gemacht. Ich verdiente genug Geld zum Leben, doch für meine Träume war kein Platz. Ich würde gerne Geige an einer Musikhochschule studieren - oder eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen. Deswegen bin ich mit meinen zwei Geigenkoffern in ein Schlauchboot gestiegen. In Griechenland habe ich einen Mann mit einer Trommel getroffen. Wir haben zusammen für die anderen Flüchtlinge gespielt. Fröhliche Sachen, obwohl ich eigentlich lieber traurige, arabische Lieder spiele. Zehn Tage war ich auf der Balkanroute unterwegs, ehe ich bei viel Schnee in München ankam. Ich wurde in Peißenberg untergebracht und habe dort jeden Tag zehn Stunden lang Geige geübt. Bald habe ich im Kirchenorchester mitgespielt und in einer Jazzband.

In meinem ersten Jahr in Deutschland habe ich den Führerschein gemacht und einen Opel gekauft. Ich dachte, so finde ich leichter Arbeit. Mein erster Job war Pizzafahrer. Seit einem halben Jahr arbeite ich Vollzeit in einem Autohaus, wo ich die Wagen für den Verkauf vorbereite. Fadyia habe ich über gemeinsame Freunde kennengelernt. Vor drei Monaten haben wir geheiratet und eine Ein-Zimmer-Wohnung in München gefunden. Gern möchte ich wieder mit anderen Musikern spielen. Aber bisher hatte ich noch keine Zeit. Wir müssen erst mal unsere Wohnung einrichten. Und auch die Hochzeitsreise steht noch aus."

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Banges Warten

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Asif N., 22, aus Afghanistan, seit 2012 in Deutschland:

"Ich will endlich etwas machen, aber ich darf nicht. Das Rumsitzen macht mich so fertig. Seit sechs Jahren lebe ich in Nürnberg, immer noch im Asylheim. Ich habe einen Stapel guter Zeugnisse, doch das nutzt mir nichts. Mit meiner Schreinerlehre wäre ich längst fertig, aber ich bekomme keine Ausbildungserlaubnis. In die Berufsschule bin ich trotzdem gegangen. Bei der Zwischenprüfung im Mai 2018 durfte ich nicht mitschreiben. Dann bin ich nicht mehr hin, es hat ja doch keinen Sinn.

Am 31. Mai 2017 holten mich Polizisten aus der Berufsschule. Das Flugzeug, in dem ich abgeschoben werden sollte, blieb nur am Boden, weil es an dem Tag einen schlimmen Bombenanschlag in Kabul gab. Alle Medien haben damals berichtet. Mein Asylverfahren wurde neu aufgerollt und im Sommer sagte der Asyl-Entscheider meinem Anwalt am Telefon, dass ich Schutz erhalten werde. Nun habe ich doch eine Ablehnung erhalten, kommentarlos. Wir haben dagegen geklagt und jetzt heißt es wieder warten. Wegen angeblichen Widerstands bei meiner Abschiebung stehe ich im Dezember vor Gericht. Mein Anwalt ist zuversichtlich, dass ich irgendwann als Flüchtling anerkannt werde. Bis dahin kann ich nichts machen außer warten und mich politisch engagieren. Bei der 'Jugendaktion Bildung statt Abschiebung' machen Schüler, Azubis und Studenten mit. Wir helfen uns gegenseitig, zum Beispiel, wenn einer einen Behördenbrief bekommt. In der Gruppe 'Widerstand Mai 31' unterstützen wir Menschen, die vor Gericht stehen, weil sie versucht haben, mich vor der Abschiebung zu schützen. Das macht mich alles so traurig.

Mit zwölf Jahren bin ich geflohen, ich wünsche mir, dass ich nie zurück muss. Die Taliban haben meine Heimatstadt Ghazni eingenommen. Alles ist zerstört."

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Nur Fußball im Kopf

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Mohammed Arman Firuz, 10, aus Afghanistan, seit 2015 in Deutschland:

"Ich spiele seit eineinhalb Jahren Fußball beim TSV Maccabi. Das Vereinswappen ist ein blauer Stern, denn das ist ein jüdischer Verein. Mit meinen Eltern und meiner siebenjährigen Schwester Sana wohne ich in einem Asylheim in München. Einmal kam ein Mann und lud mich zum Probetraining ein. Seitdem fahre ich zweimal die Woche mit dem Fahrrad zum Training. Ich bin Stürmer und schieße viele Tore.

Ich gehe in die vierte Klasse, und meine Mitschüler haben mich auch zu sich nach Hause eingeladen. Aber ich konnte nicht hingehen, weil meine Mutter im Krankenhaus war. Oft geht es ihr nicht gut, und sie hat Kopfweh. Deswegen kommt meistens mein Vater zu den Fußballspielen mit. Ich habe schon Medaillen und einen Pokal gewonnen. Darauf bin ich stolz, und meine Eltern sind es auch. Wenn keine Schule ist, spiele ich den ganzen Tag Fußball.

Meine Mutter war in Afghanistan Lehrerin, mein Vater Polizist. Nun gehen sie zum Deutschkurs. Wenn sie besser sprechen können, möchte meine Mutter im Kindergarten arbeiten, und mein Vater als Security. Wir sind aus Afghanistan geflohen, weil meine Mutter wegen der Taliban keine Tabletten mehr bekommen hat. Mit dem Flugzeug kamen wir in die Türkei, von dort sind wir in einem kleinen Boot nach Griechenland gefahren. Es sind Leute gestorben, und wir haben geweint vor Angst. Als wir an Land gingen, waren wir so glücklich. Es lag Schnee, als wir mit dem Zug in München ankamen. Wir möchten für immer in Deutschland bleiben und eine eigene Wohnung finden."

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IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Sumia Bizem, 54, aus Syrien, seit 2015 in Deutschland:

"Ich bin eine multikulturelle Frau. Arabisch und Bosnisch sind meine Muttersprachen. Mein Großvater kam nach dem Zweiten Weltkrieg als politischer Flüchtling aus Bosnien nach Syrien. Ich war auf einer französischen Schule, habe in Damaskus Maschinenbau studiert und für Regierungsbetriebe gearbeitet, bis der Krieg anfing. Dann habe ich im Architekturbüro meines Mannes das Management und die Buchhaltung übernommen. Wir waren in Syrien im Innenausbau tätig, und so hatten wir hier in Berlin die Idee, Baumaterialien für Küchen und Bäder in arabische Länder zu exportieren. Kompliziert ist diese deutsche Bürokratie, alles ist so langsam! Wir sollen warten, warten, warten und leben von Jobcenterleistungen. Das fühlt sich überhaupt nicht gut an. Wir hatten noch nie zuvor Geld von irgendwem angenommen.

Ich möchte endlich arbeiten und etwas zurückgeben. Ich habe mich auch bei deutschen Firmen beworben, aber bisher nur Absagen bekommen. Ich würde auch ein Praktikum machen, obwohl das natürlich komisch ist in meinem Alter. Wenn es bis Januar nicht klappt mit dem Export von Baumaterialien, werde ich etwas anderes versuchen. Mein Vater hat mich gelehrt, immer einen Plan B in petto zu haben. Ich könnte eine Baufirma gründen und Geflüchtete anstellen. Oder eine Kita aufmachen, ich kenne so viele Erzieherinnen.

Letztes Jahr haben wir gemeinsam mit Deutschen und Geflüchteten den Verein Passaporte gegründet. Mit kulturellen Angeboten wollen wir Geflüchtete bei der Integration unterstützen. Wir haben so viele Ideen, aber uns fehlt das Geld, sie umzusetzen."

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Solarzellen in der Sahara

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Angelina Jolong, 41, aus dem Südsudan, seit 2017 in Deutschland:

"Meine Schwägerin ist während der Entbindung gestorben, weil das Krankenhaus kein Öl für den Stromgenerator hatte. Das ist mir sehr nahe gegangen. Hinter dem Gebäude fließt der Nil, und ich dachte, wenn die Klinik Strom aus Wasser gewinnen würde, könnten viele Leben gerettet werden.

Ich komme aus Malakal im Südsudan und habe in Khartum Jura studiert. Gearbeitet habe ich schon für Hilfsorganisationen und als Diplomatin. Einmal wurde ich für acht Monate nach Pakistan geschickt, ich fühle mich als internationale Weltbürgerin. 2013 kam ich mit meinem Mann und unseren drei Kindern zum ersten Mal nach Berlin. Nach meinem Master in 'European and International Energy Law' flog ich mit unserem jüngsten Sohn, der in Berlin geboren ist, zurück in den Südsudan. Doch als wieder Krieg ausbrach, flohen wir. Nach vier Wochen wurde unser Asylantrag anerkannt, welch ein Wunder!

In einem Kurs der 'Initiative Selbstständiger Immigrantinnen' erzählte ich von meiner Idee, Solarzellen nach Afrika zu exportieren. So kam ich zu 'Start-Up Your Future', einem Pilotprojekt der Wirtschaftsjunioren Deutschland, das Geflüchtete auf dem Weg in die berufliche Selbstständigkeit begleitet. Mit einem Mentor veränderte ich meinen ersten Plan. Nicht nur die Technik, auch das Know-how möchte ich weitergeben. Zum Beispiel wie man einen Solarkocher richtig installiert oder wie man aus Kuhdung Energie gewinnt. Nun suche ich Partner, die mit mir zusammenarbeiten. Meine Vision ist die afrikanische Energiewende, ich träume von Solarzellen und Windturbinen in der Sahara."

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Die "Straße des Todes" wiederbeleben

IPO Serie 'Integration von Geflüchteten'

Quelle: Corinna Guthknecht

Abdulhadi Soufan, 40, aus Syrien, seit 2015 in Deutschland:

"Es ist gegen jede Logik, dass ich noch lebe. Einmal explodierte eine Granate in einem Zimmer, das ich Sekunden zuvor verlassen hatte. Das war in der Hauptstraße von Homs, auch 'Todesstraße' genannt. Bis Ende 2014 habe ich dort mit meiner Großmutter ausgeharrt. Ich schwor Gott: Wenn ich das überlebe, werde ich den Rest meines Lebens damit verbringen, Sinnvolles zu tun. Also habe ich 'Reviving Home' gegründet. Mein Ziel ist es, Menschen zu helfen, ihre zerstörte Heimat wiederaufzubauen. Angefangen habe ich in meiner eigenen Straße in Homs. Der erste Laden, der wiedereröffnete, war ein Falafel-Restaurant. Ich habe Fotos auf Facebook gepostet, um anderen Mut zu machen, ebenfalls zurückzukehren. Es dauerte nicht lange, bis mein Name auf Todeslisten stand.

Mit einem Studentenvisum kam ich nach Halle an der Saale. Doch ich war zu bedrückt, um studieren zu können. Im Internet fand ich Workshops für Gründer und baute mir ein Netzwerk von Unterstützern auf. Ich gab das Studium auf, zog nach Berlin, beantragte Asyl und machte mich selbständig. Über Facebook-Gruppen bringe ich Menschen zusammen: Ich betreue Nachbarschaften, verbinde Eigentümer mit Bauexperten und Handwerkern in Syrien und sammle Spenden. Ich habe sieben Angestellte, dazu Freiberufler. Um 'Reviving Home' zu finanzieren, habe ich noch ein zweites Unternehmen: Ich helfe Studenten aus dem Ausland, ein Visum für Deutschland zu bekommen. Wenn ich einen Tag nicht arbeite, fühle ich mich schuldig. Es gibt so viele Menschen, die meine Hilfe brauchen. Ich lebe in Berlin, aber mein Kopf ist in Homs."

© Süddeutsche Zeitung/bepe
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