Bürgerkrieg in Syrien:Menschen schlachten aus Not ihre Katzen und Hunde

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Was hier in Syrien geschieht, ist beispiellos. Kein Volk, das nichts als die Freiheit forderte, hat Ähnliches erlebt. In dem Augenblick, in dem diese Zeilen niedergeschrieben werden, beschießt die syrische Armee einen knappen halben Kilometer entfernt Zivilisten aus Flugzeugen und mit Raketenwerfern. Es sind die gleichen Zivilisten, die einer tödlichen Belagerung ausgesetzt sind, denen Lebensmittel und Medikamente verwehrt werden. Hier reichen die Worte nicht mehr aus, um das Leid der Menschen zu beschreiben. Einige Familien sahen sich bereits gezwungen, ihre Hauskatzen und Hunde zu schlachten, um nicht Hungers zu sterben. Andere zogen sich Vergiftungen zu, weil sie Baumblätter aßen.

Zu Beginn der Revolution arbeitete das Staatsfernsehen an einer Reportage, in der ein junger Mann namens Muhammad Abdalwahhab vor laufender Kamera ausrief: "Ich will Baschar al-Assad sagen: Ich bin ein Mensch und kein Tier! Und das gilt für die anderen auch!" Das Interview wurde zwar nicht ausgestrahlt, doch einer der Mitarbeiter veröffentlichte es heimlich, und so machte es in den sozialen Netzwerken die Runde.

Ich bin ein Mensch und kein Tier - dieser Aufschrei trifft auf alle Syrer zu. Seit mehr als vierzig Jahren behandelt dieses Regime uns nicht wie Menschen, es beraubt uns unserer Würde. Vermutlich behandeln die Syrer ihre Tiere sogar besser, als sie selbst von ihrer Regierung behandelt werden. Ein großer Teil der syrischen Bevölkerung stammt vom Land und wurde dazu erzogen, Sorge um ihre Tiere zu tragen und sie als treue Freunde zu betrachten. Als Regierungssoldaten begannen, Esel zu Übungszwecken zu töten, rief dies allgemeine Empörung hervor.

40 Jahre vom Wahlrecht ausgeschlossen

Der Schreiber dieser Zeilen möchte keinen Text über seine persönliche Geschichte schreiben. Er möchte aber in diesem Zusammenhang doch darauf hinweisen, dass er wie alle Schüler in syrischen Schulen dazu gezwungen wurde, jenen Spruch zu wiederholen, der Präsident Assad als ewigen Präsidenten des Landes bejubelt - damals musste er noch dem Vater des heutigen Machthabers huldigen, Hafis al-Assad. Der Autor, der die Hälfte seiner Lebenszeit bereits hinter sich hat, kennt nichts als einen Präsidenten, der durch einen Militärputsch an die Macht kam und die Herrschaft später an seinen Sohn vererbte. Mehr als vierzig Jahre lang waren die Syrer vom Recht ausgeschlossen, zu wählen, wer sie vertreten solle.

Das war der Grund, der die Menschen in Syrien auf die Straße trieb: Sie wollten frei sein. Das Regime aber will eine Bevölkerung von Tieren, willenlos und ohne die Fähigkeit, sich auszudrücken. Deshalb wendet es alle Formen von Gewalt an, unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Es hat ja schon einmal funktioniert, 1982, beim Massaker von Hama, als syrische Spezialkräfte und die Luftwaffe unter der Führung des Präsidentenbruders Rifaat al-Assad, unter dem Vorwand, einen Aufstand der Muslimbrüder zu beenden, bis zu 30.000 Menschen ermordete - und die Welt wegsah.

Aber die Syrer wollen keine Tiere sein. Und genauso wenig wollen sie, dass ihren Tieren Leid zugefügt wird. Stattdessen wollen sie in Freiheit und Würde leben. Sie wünschen sich auch für ihre Katzen und Hunde ein glückliches Leben im Alter. Es sind sehr einfache Wünsche. Warum sollte das nicht möglich sein?

Omar Kaddour, 47, studierte Bauingenieurswesen und Wirtschaftswissenschaften - nun veröffentlicht er Lyrik und Romane. Er lebt in Damaskus. Übersetzung: Larissa Bender.

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