Syrien:Türkei rüstet sich zum Häuserkampf

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Gefechte gegen Kurden treffen zunehmend Zivilisten, berichten Bewohner Afrins. Ankara verlegt weitere Spezialeinheiten in die Region.

Von Moritz Baumstieger

Nachdem die "Operation Olivenzweig" genannte Offensive im Hügelland der syrischen Kurdenregion Afrin lange nur schleppend vorankam, steht die türkische Armee nun vor blutigen Häuserkämpfen in den dichter besiedelten Gebieten der Enklave. Nach heftigen Luftangriffen stürmten türkische Truppen und mit ihnen verbündete arabische Milizen am Donnerstag die grenznahe Stadt Dschandaris, wie türkische Medien berichteten. Einwohner sagten jedoch der Süddeutschen Zeitung am Telefon, dass die Kämpfe in einigen Teilen der Stadt anhielten. Während Ankara behauptet, nur auf Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz zu zielen, berichten Einwohner von Dutzenden durch Artillerie und Bombardements getöteten Zivilisten - und von Menschenrechtsverletzungen durch die Türkei und ihre Verbündeten.

Die aktuelle Eskalation dürfte jedoch nur das Vorspiel für weitere Kämpfe sein: Am Donnerstag kündete der türkische Außenminister Mevlüt Çavaşoğlu bei einem Besuch in Wien an, den Feldzug in Afrin binnen acht Wochen beenden zu wollen. In der vergangenen Woche verlegte Ankara dazu 600 Mann starke Spezialeinheiten von Armee und Polizei in die Grenzregion, die schon im vergangenen Jahr in türkischen, mehrheitlich von Kurden bewohnten Städten zum Einsatz kamen. Bei der bevorstehenden Offensive auf die Stadt Afrin sollen sie die arabischen Kämpfer unterstützen, die bisher unter türkischem Kommando in Grenzgebiet vorrückten. Bewohner von Afrin berichteten der SZ, dass die Bombardements in der Nacht zum Donnerstag immer heftiger wurden und seither unvermindert weitergehen - von insgesamt 227 Toten ist die Rede.

Die Entwicklung im Norden Syriens schwächt den Kampf gegen den IS

Außerdem berichten sie von systematischen Plünderungen in den eroberten Gebieten durch arabische Kämpfer, die sich der Freien Syrischen Armee zurechnen. Im Netz kursieren jedoch Videos, in denen die Kämpfer islamistische Lieder über ihren "Dschihad" in Afrin singen, zudem Aufnahmen, auf denen Kämpfer die Leichen getöteter Gegner schänden. Die Echtheit der Aufnahmen ist schwer zu überprüfen, kurdische Aktivisten sagten gegenüber der SZ, der türkische Geheimdienst streue gezielt falsches Material, um so auch echte Berichte über Menschenrechtsverletzungen diskreditieren zu können.

Die Entwicklung im Norden Syriens beeinflusst zunehmend den Kampf gegen die letzten Widerstandsnester der Terrormiliz Islamischer Staat im Osten des Landes: Wie der syrische Kurdenpolitiker Salih Muslim der SZ in einem Telefonat bestätigte, haben sich fast 2000 Kämpfer aus dem Euphrat-Tal auf den Weg nach Afrin gemacht, um sich dort der Türkei entgegenzustellen. "Wir haben den Kampf nicht eingestellt, aber er ist im Pausenmodus." Am Mittwoch appellierte die Türkei laut einem Sprecher des Präsidialamts an die mit den Kurden gegen den IS verbündeten USA, diese Kämpfer nicht passieren zu lassen.

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