bedeckt München 24°
vgwortpixel

Syrien:Blutiges Kräftemessen in Idlib

Die Rebellen geben nicht auf: Sie beschießen aus der Gegend von Idlib die heranrückenden Kämpfer des syrischen Herrschers Assad.

(Foto: Omar Haj Kadour/AFP)
  • Die Türkei schickt weiter Verstärkung in die umkämpfte Rebellenprovinz Idlib.
  • Die Eskalationsgefahr zwischen türkischen und syrischen Truppen steigt.
  • Die Zahl der vor den Kämpfen Geflüchteten ist auf bald 700 000 gestiegen.

Erst jubelten die Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad, kurz darauf seine Gegner. Zu einem baldigen Ende der Kämpfe in der Rebellenprovinz Idlib im Nordwesten Syriens wird jedoch keine der beiden Erfolgsmeldungen beitragen, im Gegenteil: Nach Scharmützeln zwischen türkischen und syrischen Truppen steigt die Gefahr einer vollen Eskalation, zumal Ankara weiter Verstärkungen schickt: Am Dienstag sandte die türkische Armee weitere Einheiten und Material nach Idlib, mehr als 60 Lastwagen überquerten bis zum frühen Abend die Grenze.

Zuerst vermeldeten am Vormittag regimenahe Medien einen fast historischen Sieg im nun bald neun Jahre andauernden Krieg: Assad-treuen Verbänden - nach Angaben türkischer Experten handelt es sich um von iranischen Kommandeuren befehligte Milizen afghanischer Kämpfer - war beim Ort Khan al-Assal ein weiterer Vorstoß gelungen. Zum ersten Mal seit 2012 kontrolliert Damaskus so wieder die gesamte Verkehrsverbindung zwischen der Hauptstadt und der einstigen Handelsmetropole Aleppo im Norden.

Noch vor wenigen Wochen war die Autobahn M5 tief im Rebellengebiet verlaufen, der Verkehr hingegen auf provisorischen Behelfsstraßen weiter östlich. Auch wenn die Autobahn noch lange nicht sicher genug für eine Wiedereröffnung ist und an vielen Stellen in Stand gesetzt werden muss, hat Assads Offensive eines der wichtigsten Etappenziele erreicht - auch um den Preis, dass die Zahl der vor den Kämpfen Geflüchteten auf bald 700 000 gestiegen ist.

Erdoğan mischt Drohungen mit Verhandlungsangeboten, doch Russland lässt ihn warten

Die Begeisterung der Regimeunterstützer dämpften bald Videos, die Rebellenanhänger im Netz verbreiteten: Bei der umkämpften Stadt Nayrab, die in dem nur zehn Kilometer breiten Streifen zwischen der Front und der Provinzhauptstadt Idlib liegt, war es Rebellen gelungen, einen Hubschrauber der syrischen Luftwaffe abzuschießen.

Im Vergleich zu den Geländegewinnen des Regimes erscheint dies wie ein nachgeordneter Erfolg - jedoch einer mit Symbolkraft: Mit Hubschraubern wie dem abgeschossenen Mi-17 hat das Regime über Jahre Zerstörung und Terror über die Zivilbevölkerung in den Rebellengebieten gebracht. Sie warfen die gefürchteten Fassbomben ab, die kaum zielgenau treffen, dafür aber ganze Häuserblöcke zum Einsturz bringen. Unbestätigte Videos zeigten am Dienstagnachmittag, wie islamistische Rebellen die Leichen der Piloten aus der Absturzmaschine schändeten.

Welcher Miliz der Abschuss gelang und welche Waffen sie dafür benutzte, ist noch unklar - viele Beobachter äußerten jedoch die Vermutung, dass der in großer Höhe fliegende Militärhubschrauber mit neu aus der Türkei geliefertem Material an Bord getroffen wurde. Neben Panzerverbänden und Eliteeinheiten hat Ankara in den vergangenen Tagen Hunderte Lkws nach Idlib geschickt. Um die eigenen Soldaten zu versorgen, aber wohl auch, um Rebellen aufzurüsten.

In der Nacht zum Dienstag hatten syrische Kräfte einen dieser Konvois getroffen und Panzer zerstört - nur wenige Stunden zuvor waren fünf türkische Soldaten bei einem Angriff auf einen Militärposten ums Leben gekommen. Insgesamt hat die Türkei somit 13 Soldaten binnen einer Woche in Idlib verloren. Präsident Recep Tayyip Erdoğan drohte am Dienstag, im Falle weiterer Angriffe auf türkische Soldaten würden Assads Truppen einen "sehr, sehr hohen Preis bezahlen." Devlet Bahçeli, der Parteivorsitzende der nationalistischen MHP, die informeller Koalitionspartner der AKP ist, forderte gar den Einmarsch in Damaskus. "Syrien soll brennen", sagte er. Der Stab von Präsident Erdoğan bemühte sich gleichzeitig um Verhandlungen mit Moskau. Schon vor einigen Tagen hatte Erdoğans Sprecher gesagt, im März sei eine neue Runde von Astana-Gesprächen möglich. Bei der letzten Konferenz in der kasachischen Hauptstadt hatte sich die Türkei mit Assads Verbündeten Russland und Iran geeinigt, eine sogenannte Deeskalationszone in Idlib einzurichten sowie eine Kette von Observationspunkten entlang der damaligen Front. Nach den Vorstößen Assads liegen heute sieben dieser Stützpunkte unter Belagerung, umzingelt von syrischen Truppen. Dass Damaskus ein Ultimatum von Erdoğan ernst nimmt und seine Truppen bis Ende des Monats aus allen neu eroberten Gebieten zurückzieht, daran dürften selbst in Ankara nur wenige glauben.

Zusagen für einen neuen Gipfel konnte die Türkei am Dienstag nicht vermelden. Der Kreml bestätigte jedoch zumindest ein geplantes Telefongespräch der beiden Präsidenten. Nach Ansicht des ehemaligen türkischen Militärberaters Metin Gurcan versucht Erdoğan mit dem Vorgehen in Idlib vor allem seine Position für Gespräche über andere Gebiete in Nordsyrien zu stärken. Die massiv gesteigerte Truppenpräsenz soll Moskau zu Verhandlungen zwingen, schreibt Gurcan in einem Beitrag für das Nahostportal al-Monitor.

In diesen Gesprächen könnte Erdoğan einen Teilabzug aus Idlib anbieten, wenn ihm im Gegenzug eine türkische Präsenz in den Gebieten um die Städte Afrin und Jarablus garantiert wird. In diese Gegenden war seine Armee eingerückt, um kurdische Kräfte zu vertreiben oder ihnen zuvorzukommen. Die Schwächung des kurdischen Quasi-Autonomiegebiets in Nordsyrien zählt zu Erdoğans wichtigsten Kriegszielen. Den Verlust weiterer Soldaten in Idlib nehme er bei dieser riskanten Strategie in Kauf, schreibt Gurcan - und auch die Gefahr, dass die Lage dort außer Kontrolle gerät, wenn sich syrische Truppen nicht an Anweisungen aus Moskau halten.

© SZ vom 12.02.2020/saul
Syrien: Flucht aus der Provinz Idlib

Rebellenregion Idlib
:Unter Beschuss und auf der Flucht

Assads Truppen erobern nach und nach die letzte Rebellenregion Syriens zurück. Die, die es sich leisten können, fliehen in andere Städte. Doch dort warten weitere Probleme.

Von Moritz Baumstieger und Dunja Ramadan

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite