Syrien Todesfallen in den Trümmern

Der Krieg in der türkisch-syrischen Grenzstadt Kobanê ist vorbei, der IS in die Flucht geschlagen. Die Menschen wollen zurückkehren: Doch in Wohnungen, Autos und Olivenhainen liegen noch Minen.

Von Ronen Steinke

Was passiert, wenn dieser Krieg vorbei ist? Es fliegen keine Kugeln mehr in der türkisch-syrischen Grenzstadt Kobanê, seitdem die Terrormiliz IS am 25. Januar in die Flucht geschlagen werden konnte, nach einer vier Monate dauernden Materialschlacht, an deren Ende der vorerst letzte symbolträchtige Erfolg der internationalen Anti-IS-Koalition stand. Es schlagen auch keine Raketen mehr ein. Die Geflohenen kehren allmählich zurück. Dennoch geht das Sterben weiter, und es dürfte noch lange anhalten: Gerade erst rückt die Minenräumer-Hilfsorganisation Handicap International ein, sie spricht von tödlichen Gefahren in den Trümmern.

Vor allem der Stadtkern sei "extrem kontaminiert". Hier fänden sich auf einem Quadratmeter durchschnittlich zehn Munitionsteile. Mehr als 700 Mal hatten Kampfflugzeuge der US-geführten Anti-IS-Koalition 250 bis 1000 Kilo schwere Fliegerbomben auf die Kleinstadt abgeworfen, zudem explodierten etwa 40 Autobomben, 20 Selbstmordattentäter sprengten sich in die Luft. Die Hilfsorganisation hat Sprengkörper aus verschiedenen Ländern gefunden: aus Russland, dem ehemaligen Jugoslawien, Belgien, den USA, der Türkei und "anderen Nato-Ländern". Darunter seien Blindgänger, die jederzeit explodieren könnten. Handicap International fordert seit Langem, den Einsatz von explosiver Munition in Wohngebieten zu ächten.

Der Terror geht weiter, auch wenn die Terroristen fort sind: Im Häuserkampf um Kobanê hätten "mehrere Kriegsparteien" Sprengfallen zurückgelassen, dokumentiert die Hilfsorganisation, diese finde man in Wohnungen, in Autos, Traktoren, Wassertanks und Olivenhainen. Sie erzeugten eine "Atmosphäre der Angst, weil sie eine Rückkehr zum normalen Leben verhindern". Auch Leichen seien mit Sprengsätzen präpariert worden: "gefüllt mit 20 Kilo Sprengstoff und mehr als 500 Stahlkugeln, die eine improvisierte Splitterbombe ergeben". Versuche, sie zu bergen, hätten mehrmals tragisch geendet, deshalb ließen die Bewohner inzwischen Tote unangerührt im Geröll liegen, was wiederum eine Gesundheitsgefahr bedeute.

"Die Menschen wollen zurückkehren, auch wenn 80 Prozent der Stadt in Schutt und Asche liegen", erzählte der Gesundheitsminister des Kantons Kobanê, Ahmad Nassan, kürzlich der SZ. Er gehört der kurdischen Regionalregierung an, die bereits stark für eine solche Rückkehr wirbt - auch wenn derzeit fünf bis sieben Menschen pro Woche von Sprengfallen oder Blindgängern verletzt werden.