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Syrien:Reise in den unbekannten Krieg

Kampfplatz Libyen: Anhänger von General Haftar lieferten sich vor drei Jahren in Bengasi Gefechte mit Dschihadisten.

(Foto: Abdullah Doma/AFP)

Aus Syrien werden junge Menschen auch mit russischer Hilfe als Söldner angeworben und nach Libyen geschickt. Doch kampferfahren sind nicht alle der Männer.

Von Dunja Ramadan

Immer wieder sagt Abo Karim dieselben Worte, als könne er es nicht fassen. "Er ist doch noch ein Kind!", sagt er am Telefon und schickt ein Bild von seinem jüngeren Bruder hinterher. Amjad trägt darauf ein schwarzes Tanktop und kurze Hosen. Sein Blick ist selbstbewusst, fast fordernd, er steht auf einem Felsen, hinter ihm das Meer. Nur sein jugendlicher Flaum verrät sein Alter. Mit 17 Jahren ist Amjad wohl kein Kind mehr, aber sicher zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Ende Juni soll Amjad seine Heimat Syrien in Richtung Libyen verlassen haben. Nun soll er als syrischer Söldner in dem nordafrikanischen Bürgerkriegsland kämpfen, erzählt die Familie. "Für unsere russischen Freunde", sagt sein älterer Bruder.

Noch vor wenigen Wochen lebte Amjad in seinem Kinderzimmer bei seiner Mutter in Suwaida. Die Stadt liegt 90 Kilometer südlich von Damaskus und wird von der Regierung kontrolliert. Mitte Juni, so erzählt Abo Karim, habe er einen Anruf syrischer Sicherheitskreise erhalten, die ihn um einige Informationen über Amjad gebeten haben. Als er nachfragte, was hier vor sich gehe, erhielt er keine zufriedenstellende Antwort. Also rief er Amjad an. Der beschwichtigte, meinte, dass seine Freunde ihn zu überreden versuchen, mit nach Libyen zu gehen, aber er habe kein Interesse. "Er hat mich einfach angelogen", sagt Abo Karim. Seit seiner Ausreise habe Amjad sich nur einmal von einer ausländischen Nummer bei seiner Schwester gemeldet. Seitdem Funkstille.

Als Druse ist der Mittdreißiger dem Regime von Syriens Machthaber Baschar al-Assad und seinem russischen Verbündeten treu. Die Drusen sind dafür bekannt, dass sich die Mehrheit aus den Wirren der Revolution von 2011 herausgehalten hat. "Ich stehe für mein Land ein, wirklich", betont Abo Karim während des Telefonats mehrmals. Immerhin war sein Vater bei der Armee und sein Bruder ist im Syrienkrieg gefallen. Auch gegen die Russen habe er nichts. Doch außerhalb der syrischen Grenzen für eine fremde, wenn auch befreundete Macht kämpfen? Das kann und will er nicht verstehen. Er übt offen Kritik. Auf Facebook prangt er die "widerwärtige Politik" an, die junge Männer "in der Blüte ihres Lebens", von der sie "noch nicht einmal geschnuppert haben", in den Tod schicke. Damals, als die Terrormiliz IS nach Syrien kam, habe die syrische Regierung sie als Söldner bezichtigt. Und nun sei sie es, die wie "Vampire" vom Blut des Volkes trinke. Angst vor dem Regime habe er keine. Minderjährige in den Krieg zu schicken sei nun mal eine Straftat.

Amjad ist keineswegs ein Einzelfall. Mit Hochdruck rekrutieren die Russen in den vergangenen Monaten junge Syrer aus regimetreuen Gebieten in Syrien, um für Libyens General Khalifa Haftar zu kämpfen. Laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden im Mai mehr als 900 Syrer von Russland angeworben. Noch vor Kurzem sah es danach aus, dass der endgültige Sieger im ölreichen Bürgerkriegsland ausgemacht war. General Haftar, der von Russland, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wird, erlitt mehrere militärische Niederlagen bei dem Versuch, die Hauptstadt Tripolis einzunehmen.

Doch zu einem Waffenstillstand kam es nicht. Stattdessen ebnete Ägyptens Parlament Anfang der Woche den Weg für einen Militäreinsatz im Nachbarland. Dort liefert sich Russland einen Stellvertreterkrieg mit der Türkei, die Libyens Regierungschef Fayez al-Sarradsch unterstützt. Auf beiden Seiten kämpfen Tausende syrische Söldner. In den meisten Fällen sind diese durch den jahrelangen Syrienkrieg kampferprobt.

All das weiß Abo Karim. Aber sein Bruder sei alles andere als kampferprobt. Bislang habe Amjad nur zwei Dinge im Kopf gehabt, erzählt er: "Wie komme ich an meine Zigaretten und hoffentlich reicht die Internetverbindung für PUBG." Das Online-Spiel trägt den passenden Titel: "Playerunknown's Battlegrounds". Libyen ist für Amjad ein unbekanntes Schlachtfeld. Abo Karim sagt, er kenne niemanden, der heil aus Libyen zurückgekommen sei. Seit mehr als zwei Wochen hat niemand aus der Familie etwas von ihm gehört.

Was im Falle eines Todes passiert, steht in einem russisch-arabischen Vertrag, welcher der SZ zugespielt wurde. Eine Verifizierung von unabhängiger Stelle ist schwer einzuholen, doch die Details des Vertrags decken sich mit den Erfahrungsberichten von Experten und Angehörigen. So erhalten die Familien der gefallenen Söldner 5000 Dollar sowie eine monatliche Zahlung von 500 Dollar, die sich nach der geleisteten Einsatzdauer richtet. "Möge Gott davor bewahren", steht im Vertrag. Auch im Falle einer Kriegsverletzung werden die jungen Männer entschädigt. Je nach Schweregrad 20 bis 500 Dollar Einmalzahlung. Falls einer der Söldner der Arbeit ohne Bescheid zu geben fernbleibt, darf der Vorgesetzte ihn verfolgen. Was genau das beinhaltet, bleibt offen.

Besonders konkret wird es, wenn es um die Vorbereitung auf den Einsatz und die vorgeschriebene Geheimhaltung geht. So wird ein 14-tägiger Schulungskurs im Vertrag erwähnt, der zum Ziel hat, die Fähigkeiten der Söldner vorab einzuschätzen. Erfahrungsberichten zufolge sollen diese Ausbildungskurse an Standorten der syrischen Armee stattfinden - mit Trainern der russischen Wagner-Gruppe, einer eng mit dem Kreml verbundenen privaten Militärfirma. Die Ausreise findet wohl über die russische Luftwaffenbasis Hmeim in der syrischen Stadt Latakia statt. Der Einsatz selbst dauere dann drei Monate, anschließend habe man einen Monat Urlaub. Handys dürfen die jungen Männer in diesem Zeitraum nicht nutzen, es bestehe "totale Geheimhaltung", wie im Vertrag steht. Verboten ist außerdem die Nutzung sozialer Netzwerke, die Veröffentlichung von Text-, Ton- und Bildmaterial - sonst könnten "direkt oder indirekt" der Aufenthaltsort, die Mission oder andere Informationen zu einer "Vereitelung der Ziele des Unternehmens" führen.

Abo Karim kann nicht verstehen, warum Amjad sich für den Kampf in Libyen entschieden hat. Finanzielle Probleme, wie sie die meisten Syrer seit Ausbruch des Krieges haben, hätten sie keine. Die Familie habe Ländereien und mehrere Eigentumswohnungen nahe der Heimatstadt Suwaida, so Abo Karim. "Diese Jungs haben ihn da mit reingezogen. Sie finden keine Jobs, sind Loser und hängen nur rum." Und die syrische Regierung überzeuge solche jungen Männer mit ein paar leeren nationalistischen Parolen, sagt Abo Karim.

Der Name der syrischen Firma, die am Kopf des Rekrutierungsvertrags steht, trägt den Namen al-Sayyad. Auf Arabisch: die Jäger.

© SZ vom 25.07.2020

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