Syrien Wer ist verantwortlich für die mörderische Attacke auf den Hilfskonvoi?

Auszug aus dem Video, das die Russen als Beweis für ihre Unschuld anführen.

(Foto: dpa)

Die USA geben Russland die Schuld an dem Vorfall in Syrien mit 20 Toten. Moskau dagegen bestreitet das - und präsentiert ein Video.

Von Stefan Braun, Julian Hans und Paul-Anton Krüger

Ben Rhodes ließ nicht viel Raum für Zweifel: "Alle unsere Informationen besagen eindeutig, dass dies ein Luftangriff war", sagte der stellvertretende Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama über die Attacke auf einen Hilfskonvoi der Vereinten Nationen und des Roten Halbmonds bei Aleppo. "Das heißt, es gibt nur zwei mögliche Verantwortliche: das syrische Regime oder die russische Regierung." Auf jeden Fall nähmen die USA Russland für Luftangriffe in dem Gebiet in die Verantwortung. Damit macht sich das Weiße Haus den schweren Vorwurf zu eigen und erhöhte den politischen Druck massiv.

Die US-Geheimdienste und das Militär haben durch Radar und andere Technik, etwa Satelliten, ein detailliertes Bild, was im Himmel über Syrien fliegt - und sie scheinen sich ihrer Sache ziemlich sicher zu sein. Aus dem Pentagon hieß es, "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" hätten zwei taktische Bomber der russischen Luftwaffe vom Typ Suchoi 24 den Konvoi unter Feuer genommen. Die Flugzeuge seien exakt zum Zeitpunkt des Angriffs über den Lastwagen gewesen, die an einem Lagerhaus des Roten Halbmonds im Ort Urum al-Kubra nahe Aleppo entladen wurden.

Dass es sich um russische Flugzeuge gehandelt habe, ergebe sich daraus, dass diese vom Luftwaffenstützpunkt Khmeimim bei Latakia gestartet seien; diesen nutzen nur die Russen. Zum Zeitpunkt des Angriffs hätten sich keine anderen Flugzeuge in der Nähe befunden. Der Angriff sei "zu komplex", um von der syrischen Luftwaffe ausgeführt worden zu sein. Indizien für andere Ursachen - etwa einen Angriff vom Boden aus - gebe es nicht. Es würden Bilder von der Angriffsstelle analysiert, um Rückschlüsse auf die eingesetzte Munition zu ziehen. Zudem werde der mitgeschnittene Funkverkehr der Piloten mit ihrem Gefechtsleitstand ausgewertet. Öffentliche Belege haben die Amerikaner für ihre Version bislang nicht vorgelegt.

Haben Terroristen den Konvoi als Deckung benutzt?

Das Außenministerium in Moskau zeigte sich empört über Versuche, die "Verantwortung für den Zwischenfall der russischen und der syrischen Luftwaffe anzuhängen". Das Militär untersuche den Vorfall und nutze "objektive Überwachungssysteme", um alle Details aufzuklären. Weder russische noch syrische Flugzeuge hätten den Konvoi attackiert. Zuvor hatte das Verteidigungsministerium nur davon gesprochen, dass Videos von der Angriffsstelle keine Anzeichen für den Einsatz von Munition zeigten, weder Bombenkrater noch Zerstörungen durch eine Druckwelle. Vielmehr sei ein Brand ausgebrochen, "mysteriöserweise zugleich mit Beginn einer Offensive" der Nusra-Front. Die Ursache des Feuers würden nur deren Kämpfer kennen.

General Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums, führte ein Video von einer Drohne vor, die den Konvoi überwacht hatte; die Aufnahmen stammen offenbar vom Nachmittag. Das Militär hatte zuvor mitgeteilt, den Konvoi bis 13:40 Uhr Ortszeit bei seiner Ankunft in Urum al-Kubra überwacht zu haben. Auf dem Video sei ein Pick-up mit einem auf einem Anhänger montierten großkalibrigen Mörser zu sehen - russische Staatsmedien insinuierten den Schluss: "Terroristen" hätten den UN-Konvoi als Deckung benutzt, hieß es beim Auslandssender Russia Today - war das der Auslöser für einen Angriff?

Krieg in Syrien

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Der syrischen Armee sprach Außenminister Sergej Lawrow selbst die Fähigkeit ab, die Lastwagen bombardiert zu haben, "weil sie nachts nicht fliegen kann", wie er am Rande der UN-Generalversammlung in New York laut Kommersant sagte - womit im Falle eines Luftangriffs nur Russland als Verantwortlicher übrig bliebe.

Mittwochabend aber teilte Konaschenkow dann mit, eine US-Drohne vom Typ Predator sei Minuten vor dem Angriff in das Gebiet geflogen und eine halbe Stunde danach wieder abgedreht. Sie sei vom Stützpunkt Inçirlik in der Türkei aufgestiegen. "Es ist die Frage, zu welchem Zweck sie sich dort befand", sagte er, ohne die Amerikaner direkt zu beschuldigen. Die USA freilich dementierten umgehend, dass eine Drohne nahe Aleppo unterwegs gewesen sei. Wie der mysteriöse Brand ausgebrochen sei, von dem Moskau zunächst sprach, ließ Konaschenkow offen - obwohl auch das russische Militär ein sehr detailliertes Lagebild in Syrien hat. Durch einen Angriff der Nusra-Front, um ihn Russland in die Schuhe zu schieben, wie er in seiner ersten Stellungnahme nahelegte? Dann müsste es Spuren von Beschuss geben, die ja laut Moskau nicht zu erkennen sind.

Dagegen gibt es Brand- und Aerosol-Bomben, von der russischen Luftwaffe wiederholt in Syrien eingesetzt, die zu dem Schadensbild passen. Auch gibt es inzwischen Fotos, deren Echtheit bislang niemand bestreitet, die in Teilen eingestürzte Gebäude zeigen. Das passt eher zu Bomben als zu einem Brand. Die UN sprachen zwar am Mittwoch nur noch von einem Angriff, nicht mehr von einem Luftschlag. Augenzeugen und Überlebende aber hatten berichtet, aus der Luft angegriffen worden zu sein.

Unklar ist, was diese Schlacht der Indizien nun für die Waffenruhe in Syrien heißt, wo die Kämpfe heftig aufflammten. Am Freitag soll sich in New York die Syrien-Unterstützergruppe (ISSG) noch einmal unter Vorsitz von US-Außenminister John Kerry und dessen russischen Kollegen treffen.

"Ein schwaches Vertrauen ist so gut wie zerstört", sagte ein hoher westlicher Verhandlungsteilnehmer. Einziger Grund dafür, dass nicht alles aufgekündigt wird: Auch die schärfsten Kritiker sehen keine Alternative, als es noch einmal zu versuchen. Im Sicherheitsrat machte Kerry am Abend klar, was er erwartet. Von Lawrow forderte er, Moskau müsse den Angriff eingestehen: "Ich möchte wirklich eine Anerkennung der Verantwortung", sagte Kerry. "Das hier ist ein Moment der Wahrheit für Präsident Putin und für Russland."

Um die Glaubwürdigkeit der Waffenruhe wiederherzustellen, müsse sichergestellt werden, dass über den Schlüsselgegenden keine Flugzeuge mehr fliegen, verlangte Kerry. Gemeint war der Norden Syriens, vor allem Aleppo und Idlib - eine Art Flugverbotszone, was den Rebellen entgegenkommen würde. Zudem müsse ungehindert humanitäre Hilfe fließen. Die UN kündigten zumindest an, ihre Transporte bald wieder aufnehmen zu wollen.