Syrien:Feuerschutz aus Russland

Unterstützt durch Raketen der russischen Streitkräfte startet Syriens Regime eine neue Offensive.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Russland hat am Mittwoch seine Angriffe in Syrien verstärkt. Erstmals feuerten Kriegsschiffe vom Kaspischen Meer aus 26 Marschflugkörper auf elf Ziele in Syrien, wie Verteidigungsminister Sergej Schoigu in Moskau Präsident Wladimir Putin in einem im Fernsehen übertragenen Gespräch berichtete. Es ist der erste bekannte Einsatz solcher Waffen durch russische Truppen in Kampfhandlungen und offenbar auch als Demonstration der Stärke gegenüber dem Westen gedacht. Die USA haben mit solchen schiffsgestützten Marschflugkörpern in der Vergangenheit immer wieder Luftoffensiven eröffnet.

Zugleich begannen syrische Regierungstruppen zusammen mit Kämpfern der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah und russischer Luftunterstützung in den Provinzen Idlib und Hama eine groß angelegte Bodenoffensive, wie Aktivisten, dann aber auch syrische Militärquellen berichteten. Auch iranische Revolutionsgardisten sollen daran beteiligt sein. Die Offensive richtet sich gegen das Rebellenbündnis "Armee der Eroberung", einen losen Zusammenschluss, dem auch gemäßigte, vom Westen unterstützte Gruppen angehören. Sie wird aber dominiert von islamistischen und dschihadistischen Milizen sowie der mit al-Qaida verbundenen Nusra-Front, die auch im Westen als Terrororganisation eingestuft wird.

Das Bündnis hatte im Lauf des Jahres die Regierungstruppen in Bedrängnis gebracht und große Teile der syrischen Provinz Idlib erobert. Damit war sie dem Kernsiedlungsgebiet der Alawiten an der Mittelmeerküste gefährlich nahe gekommen. Es ist eine der Hochburgen von Präsident Baschar al-Assad, dessen Familie dieser schiitischen Sekte angehört. In Hama brachten die Regierungsgegner strategisch wichtige Verkehrswege unter ihre Kontrolle. Die Terrormiliz Islamischer Staat ist in dieser Region nicht aktiv.

Men on motorcycles a site hit by what activists said were airstrikes carried out by the Russian air force in the town of Babila, in the southern countryside of Idlib, Syria,

Bomben auf Babila: Nach Ansicht von syrischen Aktivisten wurde dieses Gebäude bei einem Luftangriff von russischen Kampfjets getroffen.

(Foto: Khalil Ashawi/REUTERS)

Eine weitere Bodenoffensive ist nach Angaben von Aktivisten, aber auch Quellen der Hisbollah, nördlich von Homs in Vorbereitung. Dort seien mehrere Tausend Mann zusammengezogen worden. Russland hatte in den vergangenen Tagen massive Luftangriffe gegen Talbiseh und andere Orte geflogen, die von gemäßigten Rebellengruppen wie der Freien Syrischen Armee gehalten werden, aber von Regierungstruppen umstellt sind. Das Assad-Regime hatte vergeblich versucht, diese Gebiete einzunehmen und hatte auch in der Folge der russischen Angriffe von Hubschraubern aus Fassbomben auf zivile Ziele abgeworfen.

Diese Rebellengruppen wie auch die "Armee der Eroberung" kämpfen jeweils gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Hatte Russland zunächst behauptet, nur gegen den IS vorzugehen, hieß es aus dem Verteidigungsministerium in Moskau später, man bekämpfe eine Reihe von Terrorgruppen. Dabei macht Russland augenscheinlich keinen Unterschied zwischen radikalen Islamisten und gemäßigten oder säkularen Gruppen. Der Kreml macht sich damit die Linie des Assad-Regimes zu eigen, das sämtliche bewaffneten Gruppen der Opposition als Terroristen bezeichnet.

US-Verteidigungsminister Ashton Carter stellte klar, seine Regierung habe "keiner Kooperation mit Russland zugestimmt". Moskau verfolge in Syrien "die falsche Strategie" und beschieße Ziele, an denen sich keine IS-Kämpfer aufhielten. Dies sei ein "fundamentaler Fehler". Übereinstimmend sind von beiden Seiten nur Absprachen bestätigt, die Kollisionen im syrischem Luftraum verhindern sollen. Putin hatte Schoigu angewiesen, "unsere Kooperation" mit den USA fortzusetzen. Die Bundesregierung warnte vor einer direkten militärischen Konfrontation der Großmächte. "Das, was wir in Syrien erleben, ist wirklich brandgefährlich", sagte Außenamtssprecher Martin Schäfer. "Wir sind weit über einen Stellvertreterkrieg hinaus." Ein kleiner Unfall, eine kleine Panne, eine Fehlentscheidung eines Soldaten, "und wir haben eine Situation, die eine völlig andere ist", sagte Schäfer mit Blick auf das Eindringen russischer Kampf-Jets in den Luftraum der Türkei.

© SZ vom 08.10.2015
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