bedeckt München 18°

Syrien:Entscheidung in Aleppo

Für Machthaber Assad und seine Beschützer ist die Entscheidungsschlacht gekommen. Der Krieg wird nicht per Verhandlung entschieden. Vorschläge für Hilfslieferungen und Waffenpausen bemänteln eine humanitäre Katastrophe.

Von Paul-Anton Krüger

Pro Tag will Russland den Menschen in Aleppo drei Stunden Atempause gewähren. Drei Stunden, in denen "alle interessierten Hilfsorganisationen sicher Güter in die Stadt bringen" könnten, deren von Rebellen kontrollierten Ostteil das Regime von Baschar al-Assad seit Anfang Juli mit Unterstützung des Kreml auszuhungern versucht. Es ist ein zynisches Ablenkungsmanöver, das den politischen Druck mildern soll, dem sich Moskau inzwischen ausgesetzt sieht, weil es Hand in Hand mit Assad und Iran eine neue Katastrophe für die Zivilbevölkerung herbeiführt beim Versuch Aleppo zurückzuerobern und der bewaffneten Opposition ein für alle Mal das Genick zu brechen.

Die UN haben eine Waffenruhe von 48 Stunden gefordert. Anders, so legte Nothilfekoordinator Stephen O'Brien überzeugend dar, sei es schon logistisch nicht möglich, die bis zu 300 000 eingeschlossenen Zivilisten zu versorgen. Diese 48 Stunden wären im Übrigen auch nötig, um die seit Tagen unterbrochene Strom- und Wasserversorgung für Hunderttausende in den von der Regierung gehaltenen Vierteln im Westen wieder herstellen zu können.

Auch der russische Vorschlag für humanitäre Korridore entpuppte sich lediglich als Finte: Die Menschen sollten in Gebiete gehen, die das Regime kontrolliert - ohne Garantien für ihre Sicherheit. Auf das Angebot der UN, die Kontrolle über die Korridore zu übernehmen und über sie die Belagerten zu versorgen, gingen das Regime und Russland nicht ein. Stattdessen bombardieren sie Krankenhäuser, Bäckereien, Märkte. Ihr Plan: Wenn die Zivilisten die Stadt verlassen haben, kann man Aleppo mitsamt der Rebellen zusammenschießen. Assad betrachtet die gesamte bewaffnete Opposition als Terroristen - diese Sicht hat der Kreml sich zu eigen gemacht.

Russland sucht als Schutzmacht Assads die militärische Lösung

Für das Regime und seine Unterstützer (neben Russland auch Iran, mit schiitisch-dschihadistischen Söldner-Heeren am Boden) wird in Aleppo die Entscheidungsschlacht geführt. Sie hoffen, den Krieg militärisch für sich zu entscheiden und einen Rumpfstaat zu kontrollieren. Zumindest wollen sie sich in eine Verhandlungsposition bomben, aus der sie bei Friedensgesprächen Eckpfeiler einer künftigen Ordnung diktieren können. Dann bliebe das Regime weitgehend erhalten. Sie wissen, dass ihnen bis Januar diese Möglichkeit offensteht, weil US-Präsident Barack Obama nichts tun wird, was sein Land noch tiefer in den Kriegsstrudel ziehen könnte.

Die verzweifelten Versuche von Außenminister John Kerry, die Waffenruhe und die Friedensgespräche zu retten, nutzen Assads Leute und deren Unterstützer zur diplomatischen Verbrämung ihrer Strategie. Die Nachfolge-Organisation der mit al-Qaida verbundenen Nusra-Front, um deren Bekämpfung es Russland angeblich geht, ist in Ost-Aleppo kaum vertreten. Ihre Kämpfer aber führen mit anderen Islamisten außerhalb der Stadt die Gegenoffensive. So treiben Regime und Russland die moderaten Rebellen-Fraktionen ihnen in die Arme. Den Islamischen Staat lassen sie hingegen weitgehend unbehelligt - abgesehen von pompös inszenierten Operationen wie der Befreiung Palmyras.

Russlands Präsident Putin hat seine Militärintervention für ein Comeback auf der internationalen Bühne genutzt. Er handelte, wo der Westen - aus guten Gründen - zögerte. Sein vorgebliches Ansinnen, gegen den Terror zu kämpfen, konnte niemand abweisen. Doch beim Wort war Putin nie zu nehmen. Er will den Verbündeten Assad vor dem Sturz retten, Moskaus Position im Nahen Osten stärken, die USA vorführen. Die beiden letzten Ziele hat er erreicht. Aber zu glauben, dass sich Syrien zu Assads Konditionen befrieden ließe, wird sich als blutiger Irrtum erweisen. Den Preis werden wieder Zivilisten zahlen, das syrische Volk. Das ist die Tragödie.

© SZ vom 12.08.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite