Syrien:Ende eines Albtraums

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Was vom Kriege übrig blieb: Ein Militärfahrzeug der Syrischen Demokratischen Kräfte in Raqqa. (Foto: Erik de Castro/Reuters)

Kurz vor dem Fall der nordsyrischen Stadt Raqqa stellt sich die Frage, was mit den verbliebenen IS-Kämpfern geschehen soll. Ihre Gegner wollen sie ziehen lassen - doch einige Dschihadisten weigern sich.

Von Moritz Baumstieger, München

Nicht einmal mehr zwei Quadratkilometer sind den einst so hochmütigen Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staats (IS) in ihrer Kapitale geblieben: Ein paar zerbombte Straßenzüge nordwestlich der Altstadt von Raqqa, hier verteidigen sie noch immer das städtische Stadion, das sie von einer Sportstätte in ein Foltergefängnis verwandelten. Und noch immer halten sie den Naim-Platz gleich daneben - den großen Kreisverkehr, von dem das Kalifat 2013 erstmals Schockbilder in die Welt aussandte, als es hier Menschen enthaupteten ließ und die Köpfe auf Zaunpfählen aufgespießt ausstellte.

Eigentlich wollte der US-Sondergesandte alle "auf dem Schlachtfeld" sterben lassen

Doch auch dieses letzte Viertel werden die Einheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in Kürze einnehmen, jenes Bündnis kurdischer, assyrischer und arabischer Milizen, das mit Luftunterstützung der internationalen Anti-IS-Koalition die Dschihadisten im Norden Syriens bekämpft. Sonntagmittag starteten sie eine weitere Offensive, laut einem Sprecher der kurdisch dominierten Truppe soll es die letzte sein: Binnen eines Tages wolle man die verbliebenen Kämpfer entweder töten oder gefangen nehmen, sagte er.

Um das Ende der IS-Herrschaft über die einstige 200 000-Einwohner-Stadt am Euphrat nach fast vier Jahren zu beschleunigen, ließen sich die Gegner des IS auf einen Handel ein, den sie bis Ende vergangener Woche zumindest öffentlich immer abgelehnt hatten. IS-Kämpfer, die sich noch in der Stadt befänden, würden "ziemlich sicher dort sterben", hatte Brett McGurk vor wenigen Wochen gesagt, der Sondergesandte der USA für den Kampf gegen den IS. Was er damit meinte: Einen Deal, der Dschihadisten freien Abzug erlaubt, werde man nicht anstreben. Ähnliche Übereinkünfte hatte Diktator Baschar al-Assad immer wieder mit Gegnern geschlossen: Zuletzt eskortierten Regimekräfte eine Gruppe von 300 IS-Kämpfern von der libanesischen Grenze im äußersten Westen Syriens bis in die Wüste im Osten des Landes, von wo aus sich die Kämpfer in die IS-Hochburgen im Euphrat-Tal oder in den Irak durchschlagen wollten. Die USA versuchten, den Konvoi durch Bombardements der Straßen zu stoppen, der Sondergesandte McGurk schrieb damals auf Twitter: "Unverbesserliche IS-Terroristen sollten auf dem Schlachtfeld getötet und nicht mit Bussen durch Syrien gefahren werden."

Am Freitag wurde jedoch bekannt, dass die SDF mit der Zustimmung der USA nun genau so ein Abkommen geschlossen haben. Der von den SDF bereits für die Zeit nach dem IS eingesetzte Zivilrat von Raqqa habe gemeinsam mit arabischen Stammesältesten aus der Region vermittelt, bestätigte schließlich auch die internationale Anti-IS-Koalition, am Samstag fuhren die ersten Busse vor. IS-Mitglieder, die Raqqa verlassen wollten, würden von den SDF erfasst und durchsucht, hieß es in einer Stellungnahme. Obwohl man nicht befürworte, Kämpfern zu erlauben abzuziehen, ohne sie zur Rechenschaft zu ziehen, sorge man sich um die Zivilisten im IS-kontrollierten Teil Raqqas, so Brigadegeneral Jonathan Braga, Operationschef des Militärbündnisses: "IS-Terroristen haben sich drei Jahre hinter Frauen und Kindern versteckt - und wir sind auch gegen jegliche Vereinbarung, die ihnen das weiter erlaubt." Am Sonntag berichtete schließlich ein Kommandeur der SDF der Nachrichtenagentur AFP, dass nicht nur IS-Kämpfer, sondern auch die letzten 3000 dort verbliebenen Zivilisten das IS-Gebiet verlassen konnten.

Verwirrung gab es zunächst darum, ob nur syrischen IS-Mitgliedern der Abzug erlaubt werden sollte oder auch ausländischen Kämpfern. Vor allem Frankreich soll sich gegen einen Abzugsdeal für alle ausgesprochen haben, seine Geheimdienste glauben zu wissen, dass sich Planer der Anschläge vom November 2015 in Paris in der Stadt befinden. Anscheinend zu Recht: Am Sonntag berichtete die von Aktivisten betriebene Internetseite "Raqqa24", dass sich sechs französische Kämpfer dem Abkommen mit den kurdischen Kräften verweigert und darauf bestanden hätten, in Raqqa weiterzukämpfen - so wie etwa 250 bis 300 weitere ausländische IS-Mitglieder, die dort nun dem Tod entgegensehen.

© SZ vom 16.10.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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