Syrien:Bombenexplosionen erschüttern Aleppo

Die Lage in Syrien spitzt sich zu: Bei Anschlägen auf staatliche Gebäude in der bislang ruhigen Metropole Aleppo sterben mindestens 25 Menschen. Weiter im Süden ist die Protesthochburg Homs von Assads Armee eingekesselt - und steht unter Dauerbeschuss.

Während in der syrischen Rebellen-Hochburg Homs eine humanitäre Katastrophe droht, ist die zweitgrößte Stadt des Landes Aleppo von mindestens zwei Explosionen erschüttert worden. Dabei gab es laut Berichten staatlicher Medien 25 Tote und 175 Verletzte. Betroffen waren sowohl Zivilisten als auch Militärangehörige. Die Nachrichtenagentur Sana meldete, die Sprengstoffanschläge hätten einem Gebäude des Militärgeheimdienstes und dem Sitz der Ordnungspolizei gegolten. Aktivisten berichten von drei Detonationen.

Gegenüber der BBC übernahmen verschiedene Sprecher der Freien Syrischen Armee, die aus desertierten Soldaten der Regierungstruppen besteht, die Verantwortung für die Anschläge. Der französische Sender France 24 hingegen berichtet, Verantwortliche der Organisation hätten eine Beteiligung abgestritten. Die Staatsführung sprach wie in ähnlichen Fällen von "terroristischen" Angriffen.

Gegner von Präsident Baschar al-Assad machten dagegen sein Regime für die Anschläge verantwortlich. Sie erklärten unter Berufung auf Anwohner, die verdächtiges Verhalten der Sicherheitskräfte beobachtet haben wollen: "Die ist ein weiteres schwarzes Theaterstück des Regimes." Die Regierungstruppen hätten nach den Detonationen jeweils mehrere Schüsse abgegeben, um den Eindruck zu erwecken, es habe ein Gefecht zwischen ihnen und den Terroristen stattgefunden.

Es waren die ersten derartigen Zwischenfälle in der Wirtschaftsmetropole an der Grenze zur Türkei, in der es seit Beginn der Proteste im März vorigen Jahres relativ ruhig geblieben war.

Protesthochburg Homs eingekesselt

Unterdessen spitzt sich nach sechs Tagen Dauerbeschuss in der syrischen Protesthochburg Homs die Lage zu. Der Nachrichtensender al-Arabija meldete unter Berufung auf Regimegegner, landesweit seien gestern mindestens 126 Menschen von den Regierungstruppen getötet worden, allein 107 in Homs. Die meisten Opfer sollen Zivilisten sein. In anderen Berichten ist von 60 bis 100 Toten die Rede.

Aktivisten baten um Hilfe des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds. Die Stadt ist umzingelt, die Armee kontrolliert alle Zugangsstraßen. Essen, Heizölvorräte und Medikamente werden knapp. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten besetzte die Armee in der Nacht ein Wohnviertel mit Panzern. Zudem durchsuchten Soldaten zahlreiche Wohnhäuser, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mit.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) bezeichnete die Lage von Verletzten und Kranken als katastrophal. Seit Beginn der Offensive am 4. Februar wurden laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte Hunderte Zivilisten getötet. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bestätigte den Tod von etwa 250 Zivilisten und warnte vor einer "schweren humanitären Krise". Die syrische Führung unter Staatschef Baschar al-Assad räumte eine Militäraktion in Homs ein, die sich aber gegen "terroristische Banden" richtete.

Auch in anderen Landesteilen war es am Donnerstag zu heftigen Kämpfen gekommen. Die Truppen Assads gingen massiv gegen Demonstranten vor. Zugleich wurden nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten mindestens sieben Sicherheitskräfte nahe der südlichen Stadt Daraa getötet. Trotz der Gewalt riefen Aktivisten für heute zu neuen Massendemonstrationen auf.

Obama hält Lage für "schockierend"

US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Kämpfe in Syrien nach einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti in Washington als "schockierend". Beide Länder hätten großes Interesse daran, das "abscheuliche Blutvergießen" zu beenden. Die USA und Italien seien sich einig, die jetzige Regierung in Damaskus, die "ihr Volk angreift", müsse ersetzt werden.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton appellierte an Russland, doch noch eine UN-Resolution gegen die Gewalt in Syrien zu unterstützen. Sie sei enttäuscht, dass die geplante Resolution am Veto Russlands gescheitert sei, sagte Ashton in Mexiko-Stadt. Nach fast elf Monaten der Gewalt mit 6000 Toten prüfen nun auch die Vereinten Nationen die Entsendung von Beobachtern und eines Sondergesandten nach Syrien.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich zutiefst betroffen. "Die Bilder und Berichte aus Syrien wühlen mich genauso auf wie wahrscheinlich die meisten Bürger", sagte sie der Passauer Neue Presse. Außenminister Guido Westerwelle sagte, die Bundesregierung könne nicht tolerieren, wenn für den syrischen Staat Tätige in Deutschland einen Beitrag dazu leisteten, die syrische Opposition unter Druck zu setzen. Das Auswärtige Amt hatte zuvor vier syrische Diplomaten ausgewiesen, nachdem wegen Spitzel- und Drangsalierungsvorwürfen zwei Mitarbeiter syrischer Geheimdienste festgenommen worden waren.

Syrische Oppositionelle in Deutschland fordern unterdessen mehr Unterstützung von der Bundesregierung. Vertreter des Syrischen Nationalrats, der wichtigsten Exil-Organisation der Opposition, riefen die deutsche Regierung auf, den syrischen Botschafter auszuweisen und ihr Bündnis als legitime Vertretung des syrischen Volkes anzuerkennen. Außerdem verlangten sie weitere Sanktionen gegen das Regime von Präsident Baschar Assad und humanitäre Hilfe für die Bevölkerung. Nationalratsmitglied Ferhad Ahma mahnte, ohne internationale Hilfe bestehe das Risiko weiterer Massaker in Syrien. Eine Militärintervention verlangten die Oppositionellen nicht.

© Süddeutsche.de/AFP/dapd/sebi/odg
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