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Südafrika:Unruhe an den Friedhöfen

Seitdem skrupellose Beamte und Funktionäre eine volksnahe Bank plünderten, können sich viele Südafrikaner nicht einmal eine würdige Beerdigung leisten. Fassungslos macht die Menschen, dass auch die ANC-Partei Schuld trägt.

Von Bernd Dörries, Thohoyandou

Richard Maudu

Nachdem die VBS-Bank ausgeplündert und in den Bankrott gezwungen wurde, verloren Zehntausende in Südafrika ihr Geld. So auch der 80-jährige Richard Maudu.

(Foto: Bernd Dörries)

"Wir haben viel gelitten. Wir konnten unsere Liebsten nicht richtig beerdigen, weil kein Geld da war", sagt Richard Maudu. 80 Jahre ist er alt, trägt ein Jacket mit Pullunder und einem Hemd darunter, hinter ihm öffnet sich die Landschaft, man sieht ein paar Hügel in der Ferne und die fruchtbare rötliche Erde der Provinz Limpopo im Nordosten Südafrikas. Es ist ein schöner Ort für einen Friedhof, ein paar Bäume spenden etwas Schatten. Die Gräber haben aufwendige Steine an der Kopfseite, die nicht nur vermerken, wann der Verstorbene gelebt hat, sondern auch, wann er beerdigt wurde. So haben sie es zumindest viele Jahrzehnte gemacht. Bis die Millionen aus der Bank geklaut wurden.

Heute führt Maudu zu frischen Gräbern, die ohne Stein auskommen müssen, für den es nicht mehr reicht. "Ich bin voller Schmerz und Wut", sagt Maudu. Während in seinem Dorf Tshidimbini kein Geld da sei für Beerdigungen, man die Verstorbenen notdürftig unter die Erde bringen könne, "während andere ihr Leben genießen".

Die anderen, das sind die Bankräuber, die eine ganze Bank ausräumten, indem sie über Jahre hinweg etwa 120 Millionen Euro aus der VBS-Bank abzweigten, am helllichten Tag, bis nichts mehr da war und die Bank pleite. Es ist selbst im notorisch korrupten Südafrika ein beispielloser Fall. Sonderlich gewitzt gingen die Diebe nicht vor, meistens vergaben sie großzügig angebliche Kredite, die dann nie zurück gezahlt wurden. Auch der damalige Präsident Jacob Zuma bekam etwa 400 000 Euro, die er nach Angaben des Insolvenzverwalters nie ganz zurückzahlte. Viele der Neureichen posierten in den sozialen Medien mit ihren neuen Luxuskarossen. Bilder, die auch Richard Maudu erreichten.

In seinem Dorf hatten sich 195 Familien zu einem Sparverein zusammengetan, der Geld für Beerdigungen zurücklegt. Diese Einrichtung gibt es in den meisten ärmeren Gegenden Südafrikas, und sie ermöglicht auch jenen eine würdige Beerdigung, die nicht so viel haben. In Limpopo war die VBS-Bank für viele der erste Anlaufpunkt. 487 837,13 Rand zeigt der letzte Kontoauszug des Sparvereins von Richard Maudu an, Geld, das verloren ist, umgerechnet etwa 25 000 Euro. Manche Geschädigte haben ihr Geld wiederbekommen, andere nicht. Bei ihnen verursache der Verlust Ängste und Beschwerden wie hohen Blutdruck, sagt Maudu. "Aber wir haben kein Geld, Ärzte zu sehen."

Es gebe in der ganzen Bank kaum einen Mitarbeiter, der nicht in irgendeiner Form am Betrug beteiligt war, stellte ein Sonderermittler schon 2018 fest; 53 Personen nannte er als Täter oder Beteiligte, darunter das gesamte Spitzenmanagement, ein ehemaliger hoher Polizeibeamter, Vertreter des staatlichen Rentenfonds, ein Partner der Wirtschaftsprüfer KPMG und zwei Spitzenfunktionäre der Regierungspartei ANC. Deren Vertreter in den ländlichen Kommunen hatten immer wieder Millionen auf die Konten der Bank überwiesen, wenn das Geld auszugehen drohte. Nach Bekanntwerden des Skandals 2018 kündigte der ANC harte Konsequenzen für die Beteiligten an, das Integritätskomitee suspendierte die stellvertretende Parteichefin der Provinz Limpopo, Florence Radzilani, und den Finanzchef Danny Msiza. Danach passierte nichts mehr im ANC. Vor wenigen Wochen beschloss ein Ausschuss der Partei, dass beide ihre Posten wieder aufnehmen dürfen, es wurden sogar offizielle Plakate gedruckt, die die zwei herzlich zurück willkommen hießen, auch Präsident Cyril Ramaphosa war nicht gegen die Rückkehr, obwohl es keinerlei entlastende Beweise gibt, obwohl Ramaphosa doch seit seinem Amtsantritt vor mehr als zwei Jahren der Korruption im ANC immer wieder den Kampf angesagt hat.

Seither haben zahlreiche Kommissionen die Missstände bei staatlichen Unternehmen beleuchtet, haben Beweise und Indizien für den Diebstahl von vielen Milliarden Euro geliefert. Verhaftet wurden zwar mittlerweile acht Verdächtige im VBS-Skandal, aber noch kein namhaftes ANC-Mitglied. Korruption und Diebstahl gehen ungehindert weiter, zahlreiche Familienmitglieder von führenden ANC-Politikern haben sich lukrative staatliche Aufträge gesichert, um in Zeiten der Corona-Pandemie Schutzkleidung zu liefern. Die Vergabe erfolgt oft an hastig gegründete Firmen, die keinerlei Expertise vorweisen können, aber gute Beziehungen haben. Selbst die Sprecherin von Präsident Ramaphosa musste zurücktreten, weil ihr Mann einen öffentlichen Auftrag bekommen hatte, mutmaßlich über Beziehungen.

Mit der VBS Bank trifft es ein Symbol: Es ist die einzige schwarze Bank, sagt Muvhulawa

Es ist wenig übrig geblieben von dem Neuanfang, den Ramaphosa versprochen hatte. Im Dorf von Richard Maudu haben sie einen Brief an die ANC-Spitze geschrieben: "Wir dachten, der ANC kümmert sich um uns und kennt die ärmlichen Bedingungen, unter denen wir leben. Aber eure Entscheidung, die beiden Führer wieder einzusetzen, sagt uns, dass ihr nur an euch selber denkt, und nicht an uns, die Armen." Eine Antwort haben sie nicht erhalten.

Die Empörung ist groß in der Provinz Limpopo, weil es mit der VBS-Bank eine Institution trifft, die viel mehr war als eine Bank, ein Symbol. "Es ist die einzige schwarze Bank", sagt Wilson Muvhulawa. Er ist der einzige Überlebende der Gründer, die 1982 die Venda Building Society ins Leben gerufen haben - Venda war damals ein Bantustan, eine Region halbautonomer Verwaltung im Apartheid-Südafrika. Die Bantustans oder Homelands waren Gebiete, die für das weiße Regime zu abgelegen oder unfruchtbar waren, die man also getrost den Schwarzen überlassen konnte.

Muvhulawa und seine Mitstreiter gründeten die VBS-Bank, um der armen Landbevölkerung mit Krediten beim Hausbau zu helfen, mit Geld, das sie bei den weißen Banken nicht bekamen. Und teilweise bis heute nicht bekommen, weil sie keine Sicherheiten vorweisen können. "Die Bank hat das Leben vieler Leute verändert", sagt Muvhulawa. Damals zum Positiven. Heute hat der Bankrott seiner Bank das Leben vieler Geschädigter belastet oder gar zerstört. Muvhulawa ist mittlerweile über 80 Jahre alt und sitzt auf der Treppe vor seinem Farmhaus auf einem Hügel, die Hunde umschlängeln seine Füße, er war schon lange nicht mehr im Tagesgeschäft der Bank aktiv, die seine Nachfolger zerstörten. Er sagt, der ANC müsse die Beteiligten zur Verantwortung ziehen.

Es ist eine Forderung, die immer lauter wird in Limpopo, und der sich auch Soviet Lekganyane anschließt, einer der führenden ANC-Politiker in der Provinz. Der ANC müsse auf der Seite derer sein, die nichts haben, und nicht auf der Seite jener, die unter Verdacht stehen, sagt Lekganyane. Er sagt das auch ausländischen Medien, was im ANC eher Seltenheitswert hat. In diesem Fall auf dem Parkplatz einer Raststätte, er ist gerade zu einer Beerdigung unterwegs. Er zählt die sinkenden Wahlergebnisse des ANC in den vergangenen Jahren auf. So, als würde die Partei sich selber beerdigen, wenn sie so weitermacht.

© SZ vom 06.08.2020

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