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Coronavirus:Mit Suppe gegen die Ungleichheit

Millionen Südafrikaner haben in der Coronakrise ihre Jobs verloren und sind nun auf Essensspenden angewiesen.

(Foto: Jerome Delay/AP)

Jahrelange Korruption hat Südafrika gezeichnet. Auch in der Corona-Krise kommen Hilfszahlungen oft nicht bei den Menschen an. Wo der Staat versagt, springen nun Privatpersonen ein.

Früher hat Andre Viljoen in den großen Kesseln ein Pilsner gebraut, das er unter dem Namen "Happy Pills" verkaufte, und ein süßes Starkbier mit dem Namen "Sugarman", das auf immerhin zehn Prozent Alkoholgehalt kam. Wenn Viljoen heute die Prozente hochrechnet, dann um zu erklären, wie hoch der Anteil welchen Gemüses ist, das nun in seinem Kessel köchelt: Zehn Prozent Zwiebel, 30 Prozent Kürbis und 60 Prozent Kartoffel, sagt er und nimmt mit einer langen Schöpfkelle einen Schluck aus dem Tank, gießt ihn in ein Bierglas und trinkt daraus. Früher war er Besitzer einer der besten Brauereien Kapstadts, heute ist er arbeitsloser Brauer und leitet eine Suppenküche. Er wirkt nicht unzufrieden, die Gemüsebrühe schmecke gut und sei recht nahrhaft.

Seit nun fast zehn Wochen gilt in Südafrika einer der härtesten Lockdowns der Welt, der zwar dazu geführt hat, dass die Infektionszahlen mit etwa 24 000 Fällen bei 57 Millionen Einwohnern noch recht gering sind. Die wirtschaftlichen Folgen sind allerdings immens: Millionen, vor allem im informellen Sektor, haben ihren Job verloren. Gärtner, Haushaltshilfen und Tagelöhner haben nichts zu tun und nichts, womit sie ihre Familien versorgen können.

"Wenn bald der Winter einsetzt, die Leute hungern und die Infektionen und die Panik steigt, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Wir wollen etwas Hoffnung geben", sagt Viljoen. Das mit der Hoffnung gilt wohl auch für ihn und die 60 Mitarbeiter seiner "Woodstock Brewery", die derzeit keinen Job mehr haben, weil die Regierung Verkauf, Herstellung und Transport von Alkohol bis zum 31. Mai verboten hat. Deshalb hat Viljoen zusammen mit anderen Kleinbrauereien ein Kollektiv gegründet, das jeden Tag viele Tausend Liter Suppe kocht und dann an Bedürftige in der ganzen Stadt verteilen lässt.

Vor den Essensausgaben bilden sich kilometerlange Schlangen. Kinder kommen zuerst dran

Bis zu 14 000 Portionen wollen sie pro Tag liefern, die Zutaten werden von Unternehmen geschenkt oder durch Spenden gekauft. Dort, wo früher das Restaurant war, stehen heute Dutzende Freiwillige und schnippeln riesige Mengen Gemüse. "Im Ernstfall stehen die Leute hier zusammen", sagt Viljoen. Auch anderswo sammeln die Einwohner Kapstadts Lebensmittelspenden und kochen für Bedürftige.

Es ist ein Stück Solidarität in einem Land, das zu den ungleichsten der Welt gehört, in dem Millionen immer noch in engen Townships leben, während die Mittelschicht und die Reichen in schönen Vierteln wohnen, mit Blick auf den Tafelberg oder das Meer. Die Corona-Krise trifft alle, aber doch nicht alle gleich. "Wenn du, wie so viele von uns, bisher in Sicherheit zu Hause herumgesessen hast, (...) und darauf gewartet hast, dass eine Gelegenheit kommt, die Dinge zu verbessern, die beste Version deiner selbst zu sein." So schreiben es die Brauer auf ihre Website, die zu Spenden aufruft.

Die Brauer und viele andere Privatpersonen und Unternehmen springen dort ein, wo der südafrikanische Staat nicht helfen kann oder will. Das vergangene Jahrzehnt war für viele Südafrikaner ein verlorenes, bis 2018 regierte der zutiefst korrupte Präsident Jacob Zuma und die ehemalige Befreiungsbewegung ANC machte sich das Land zur Beute.

Nachfolger Cyril Ramaphosa hat zwar der Korruption den Kampf angesagt und nun in der Pandemie viele Südafrikaner hinter sich vereint. Er hält Fernsehansprachen voller Empathie und Überzeugungskraft und hat einen Gesundheitsminister an seiner Seite, der aus Sicht vieler ein sehr guten Job macht. Die Regierung kündigte ein milliardenschweres Hilfspaket an und erhöhte die Sozialhilfen - aber eben nur um etwa 20 Euro im Monat für jeden Bedürftigen.

"Die Regierung macht nichts für uns"

Und selbst diese Hilfe kommt bisher nicht immer an, auf lokaler Ebene regieren oft noch Korruption und Missmanagement. Immer wieder bilden sich kilometerlange Schlangen vor Essensausgaben. Privaten Hilfsorganisationen wird das Leben schwer gemacht, sie müssen für Essenslieferungen in vielen Provinzen 48 Stunden vorher eine Genehmigung einholen und einen endlosen bürokratischen Prozess durchlaufen, immer wieder berichten lokale Medien davon, dass gespendete Lebensmittel nicht ankommen oder von ANC-Politikern gestohlen werden. Auch deshalb wird in Kapstadt gerne Suppe verteilt, die man schlecht stehlen kann.

"Die Regierung macht nichts für uns", sagt Gogo, die einfach nur nach der Kurzform für Großmutter genannt werden will, weil sie so schließlich die ganze Nachbarschaft kenne. Gogo ist Mitte fünfzig und steht in der Einfahrt ihres Hauses in Guguletu, einer Township von etwa 100 000 Einwohnern im Norden Kapstadts. Eine Straße mit Schule, Bibliothek und einem Freibad, die Klinker-Häuser haben alle Garage und gepflasterten Vorhof.

Früher hatte Gogo in der Garage selbst ein kleines Restaurant betrieben, vor allem mit Fischgerichten, bis es ihr körperlich zu anstrengend wurde. Jetzt gibt es "Gogos kitchen" wieder als Suppenküche für Bedürftige, die wegen Corona nichts mehr zu essen haben. Gogo bekommt 1000 Liter Suppe von den Brauereien, dazu kocht sie noch das, was ihr gespendet wird. Vieles davon kommt von Privatleuten aus Sea Point, einem eher wohlhabenden Stadtviertel am Meer.

An diesem Tag gibt es einen Eintopf aus Fisch und Spinat. Auf der Straße vor dem Haus stehen schon die Schlangen auf dem Gehsteig, Kinder kommen zuerst dran. Alle tragen eine Maske, alle desinfizieren ihre Hände, bevor sie das Essen in Empfang nehmen. Bei allen Problemen, sagt Gogo, gebe es in der so ungleichen Stadt Kapstadt auch viel Solidarität.

© SZ vom 27.05.2020

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