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Südafrika:Liegestütze und Lederpeitsche

Protest vor der US-Botschaft in Pretoria, nicht aber vor den Polizeistationen des eigenen Landes: In Südafrika sind allein seit Beginn des Lockdowns elf Menschen nach Übergriffen der Sicherheitsbehörden gestorben.

(Foto: Marco Longari/AFP)

Die Polizei verhält sich heute kaum anders als zu Apartheidszeiten. Die Opfer sind die gleichen: arme Schwarze.

Man könnte sagen, dass Collins Khosa so etwas wie der George Floyd Südafrikas sein könnte, ein unschuldiges Opfer brutaler Gewalt der Sicherheitskräfte, Symbol einer Staatsmacht, der viel mehr Schwarze als Weiße zum Opfer fallen. Khosa tat am 10. April dieses Jahres nichts anderes, als im Hof seines Hauses in Johannesburg ein Bier zu trinken, als Soldaten eindrangen, die den Auftrag hatten, den strengen Lockdown Südafrikas zu kontrollieren, der auch den Verkauf und öffentlichen Konsum von Alkohol verbot. Zu Hause darf man aber trinken, so soll es Khosa den Soldaten gesagt haben. Die schütteten ihm das Bier über den Kopf und schlugen ihn mit den Kolben ihrer Maschinengewehre, wenig später war Khosa tot.

Der harte Lockdown des Landes sollte nach dem Wunsch von Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa "Leben retten". Mindestens elf Menschen sollen aber durch die Gewalt von Armee und Polizei gestorben sein, in den sozialen Netzwerken kann man die Bilder sehen, auf denen Schwarze gezwungen werden, Liegestütze zu machen, oder mit der Lederpeitsche geschlagen werden. Es sind Bilder, von denen man dachte, dass sie das Land aufrütteln, so wie die Bilder vom Tod George Floyds Amerika veränderten. Es passierte aber nichts. "Die allgemeine Reaktion auf den Tod von Collins Khosa ist eine nationale Schande", kommentierte der Daily Maverick. Dieser Tage wird zwar vor den diplomatischen Vertretungen der USA in Südafrika demonstriert, nicht aber vor den Polizeistationen des Landes. Womöglich auch, weil es einfacher ist, gegen das Unrecht in den USA zu protestieren, wo es schwarze Opfer gibt und weiße Täter.

Gerade ärmere Südafrikaner sehen in Polizisten eher Feinde als Freunde

In Südafrika gehört es zur bitteren Wahrheit, dass Polizei und Armee ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid zum allergrößten Teil aus Schwarzen und Coloureds bestehen, sich aber am brutalen Vorgehen oft wenig geändert hat. Zwar wurde der "South African Police" das Wort "Service" hinzugefügt, für viele vor allem ärmere Südafrikaner ist die Polizei aber weiterhin eher Feind als Freund und Helfer. Seit vor acht Jahren eine Beschwerdestelle für Polizeigewalt und Amtsmissbrauch eingerichtet wurde, sind dort 40 000 Beschwerden eingegangen. Viele Bürger glauben aber erst gar nicht, dass solche Eingaben überhaupt etwas bringen. Der Untersuchungsbericht zum Tod von Collins Khosa sprach alle Beteiligten frei; dabei wurde nie mit seiner Frau gesprochen, die den Tod ihres Mannes mit ansehen musste. Ähnlich geht es vielen anderen Hinterbliebenen.

Bei ihnen mag der Verdacht entstehen, dass viele Verantwortliche bei der Polizei ganz froh sind über Corona, weil sie jetzt tun können, was sie schon lange tun wollen, hart durchgreifen in den Townships und Armensiedlungen, in die sich die Polizei oft nur noch in militärischer Formation hineintraute. Nun patrouilliert dort auch wieder die Armee, in fast drei Monaten hat die Polizei etwa 240 000 Menschen festgenommen, die gegen die Regeln des Lockdowns verstoßen haben. Überhaupt keine Verhaftungen gab es dagegen bei reichen ANC-Funktionären, deren Korruption seit Jahren belegt ist. Sie haben eine Polizei geschaffen, die den Status quo bewahrt und vor allem die verhaftet, die arm sind und meistens schwarz.

© SZ vom 09.06.2020

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