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Sudan:Endlich Ruhe im "Pickwick"

Die Regierung erlaubt Alkohol, schlecht für die einzige Kneipe im Land.

Von Bernd Dörries

Es soll dem britischen Botschafter nicht immer angenehm gewesen sein, was sich da direkt neben seiner Residenz in der sudanesischen Hauptstadt Khartum abspielte: Jeden Donnerstag steht eine nicht zu übersehende Horde deutlich Betrunkener vor seinem Haus, die in ihre Mobiltelefone schreien, um ein Taxi zu bekommen.

Aber letztlich wussten die Botschafter ihrer Majestät ja immer, worauf sie sich da eingelassen haben: Zu ihrem Aufgabenbereich gehört auch die Bewirtschaftung einer Kneipe, des "Pickwick Club", der einzigen Bar mit Alkoholausschank im ansonsten alkoholfreien Sudan, die sich bei Ausländern wie Einheimischen solch großer Beliebtheit erfreute, dass ein Mitarbeiter der Briten einen nicht geringen Teil seiner Arbeitszeit damit verbrachte zu entscheiden, wer einmal die Woche auf die strenge Einladungsliste kommt.

Die britischen Botschaftsmitarbeiter dürften es mit einiger Erleichterung aufgenommen haben, dass im Sudan seit wenigen Tagen Alkohol wieder erlaubt ist, nach fast vier Jahrzehnten islamistischer Prohibition.

Im Frühjahr 2019 hatte es die sehr junge und sehr weibliche Opposition im Land geschafft, den Diktator Omar al-Baschir aus dem Amt zu jagen, seitdem regieren Vertreter des Militärs und der Reformer. Letztere arbeiten daran, möglichst viele Elemente der strengen islamischen Gesetzgebung abzuschaffen. Frauen dürfen wieder Hosen tragen und öffentlich Sport machen, die Genitalverstümmelung wurde verboten - und nun auch der Alkohol wieder erlaubt. Im Jahr 1983 hatten ihn die Islamisten verboten, die Blue-Nile-Brauerei geschlossen und Whiskey und Bier in den Nil gekippt. Wer seitdem beim Trinken erwischt wurde, riskierte mindestens 40 Peitschenhiebe, ein chinesischer Gastarbeiter wurde beim Weintrinken ertappt und bekam zwei Jahre Gefängnis. Je nach politischen Klima schaute die Religionspolizei genauer hin oder eben nicht.

Mal konnte man in einer Handvoll Restaurants in Khartum "Special tea" bestellen und bekam einen Pott Bier oder Gin. Mal kam man nur über gute Kontakte zu Botschaften an eine Flasche und Zugang zum "Pickwick", das von der Regierung toleriert wurde. Mal gab es nichts anderes als den traditionellen Dattelschnaps Araki auf dem Schwarzmarkt. Ganz trocken war der Sudan aber nie, Stadtviertel wie Soba in Khartum sind berühmt für ihren Araki. Auch jetzt dürfen formal gesehen nur Nicht-Muslime Alkohol trinken. Verändern wird sich aber die Angebotssituation, weil Import und Produktion wohl legalisiert werden.

Vor allem die christlichen Bewohnerinnen des Landes sahen oft keine andere Chance, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, als Dattelschnaps zu brennen. Sie wurden dafür oft jahrelang ins Gefängnis geworfen. "Der Staat hat jetzt die Chance, den Schwarzmarkt zu legalisieren und damit Beschäftigung und regelmäßige Steuereinnahmen zu schaffen", sagt Philipp Jahn, der Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Khartum. Alkoholläden wie in anderen muslimischen Ländern könnten ein wichtiger Devisenbringer werden.

Vorbei sind durch die Legalisierung möglicherweise die besten Tage des "Pickwick Clubs", was dem britischen Botschafter nicht ungelegen kommen dürfte.

© SZ vom 21.07.2020

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