bedeckt München 31°

Streit vor Castor-Transport:Zahlen und Strahlen

0,235 Millisievert oder 0,305? Greenpeace erhebt schwere Vorwürfe gegen Niedersachsens Regierung. Sie soll die Strahlenbelastung falsch berechnet haben, um den nächsten Castor-Transport nach Gorleben zu ermöglichen.

Michael Bauchmüller

Eine Dosis von 0,07 Millisievert radioaktiver Strahlung im Jahr ist nichts, was Bürger in Panik versetzen muss. Grob gerechnet, entspricht das der radioaktiven Belastung durch einen Langstreckenflug. Aber solche 0,07 Millisievert haben nun über den nächsten Castortransport entschieden: Sie machen den Unterschied aus zwischen Prognosen des Landes Niedersachsen und Prognosen von Umweltschützern; es geht um die Strahlendosis außerhalb der Castor-Lagerhalle in Gorleben. Während das Land eine Strahlenlast von etwa 0,235 Millisievert in diesem Jahr erwartet, hat Greenpeace 0,305 errechnet. Dazwischen liegt der Grenzwert.

Atomkraftgegner starten Proteste gegen Castor

Castor-Gegner protestierten entlang der Schienentransportstrecke zwischen Hitzacker und Dannenberg am vergangenen Samstag gegen den geplanten Transport.

(Foto: dapd)

Niedersachsens Landesregierung hat am Dienstag, ganz im Vertrauen auf die eigenen Prognosen, den nächsten Castor-Transport gebilligt. "Die rechtlichen Voraussetzungen sind erfüllt", sagte Ministerpräsident David McAllister (CDU). Ende des Monats könnte der Transport in Gorleben eintreffen, die Gegner machen sich schon bereit. Es soll der letzte Atommüll-Transport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague werden, dann stehen nur noch Transporte aus dem britischen Sellafield an.

Greenpeace hat Umweltminister Sander angezeigt

Die Sache mit den Grenzwerten ist damit aber noch nicht vom Tisch. Noch am Dienstag erstattete Greenpeace Strafanzeige gegen Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP). Dieser nehme in Kauf, dass die Bevölkerung durch übermäßige Strahlung in Mitleidenschaft gezogen werde, argumentiert Greenpeace. Dies verstoße gegen Paragraph 311 a des Strafgesetzbuches - der allerdings nur den absichtlichen "Missbrauch ionisierender Strahlen" betrifft. "Wir sind überzeugt, dass da getrickst wurde", sagt Tobias Riedl, Atomexperte bei Greenpeace.

Anti-Gorleben-Gruppen wie auch Umweltschützer versuchen seit langem, jeden Castor-Transport zu verhindern. Schließlich wachse mit jedem weiteren Castor in der Lagerhalle der Druck, im benachbarten Salzstock ein Endlager einzurichten. Wäre der Grenzwert überschritten, müsste der Zwischenlager-Betreiber GNS sich überlegen, wie er die Castoren besser abschirmen kann - vor allem aber stünde es schlecht um den nächsten Transport. Dabei laufen die Vorbereitungen dafür auf Hochtouren.

Doch wer hat recht? Ausschlaggebend könnte am Ende die so genannte "Hintergrundstrahlung" sein. Diese natürliche Strahlung wird abgezogen, damit sie Messergebnisse nicht verzerrt. Doch bei den neuen Prognosen, die das niedersächsische Umweltministerium anstellen ließ, wurde sie gegenüber bisherigen Annahmen heraufgesetzt. Die Folge: Es ließ sich mehr von den Messergebnissen abziehen, schon war der Wert niedriger. "Damit werden die noch ziemlich ins kurze Gras kommen", sagt Stefan Wenzel, Fraktionschef der niedersächsischen Grünen. "Das wird eine knallharte Geschichte." Dagegen betont das Umweltministerium, es habe nur modernste Geräte und Methoden gewählt. "Da sind wir ganz gelassen", sagt eine Sprecherin.

© SZ vom 02.11.2011/jak

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite