Streit um Schulz' Rede in Israel Kabale nach Zahlen

Ein palästinensicher Junge trinkt Wasser aus einem Lagertank in Gaza: Die Zahlen zur Wasserversorgung der Palästinenser in den besetzten Gebieten variieren erheblich.

70 Liter versus 17: Als Europaparlamentspräsident Schulz vor Israels Parlament über Wasserversorgung sprach, löste er damit einen Eklat aus. Zahlen sind im Nahost-Konflikt immer politisch, das zeigen schon die vielen Studien zu diesem Thema. Welche Seite mit welchen Zahlen argumentiert - ein Überblick.

Von Kathrin Haimerl

Es sind wenige Worte, die am Mittwoch in Israel zu einem großen Eklat führen:

Wie kann es sein, dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17?

Diese Frage stellt Europaparlamentspräsident Martin Schulz in seiner Rede am Mittwoch in der Knesset. Er zitiert damit einen palästinensischen Jungen, der ihn dies bei einem Besuch in Ramallah gefragt habe. Schulz fährt fort, er habe diese Zahlen nicht überprüfen können.

Unter anderem diese Äußerung ist der Grund, warum Wirtschaftsminister Naftali Bennett und seine Fraktionskollegen von der nationalreligiösen Partei Jüdisches Heim unter lauten Protestrufen den Plenarsaal des israelischen Parlaments verlassen. Später schreibt Bennett auf seiner Facebook-Seite: "Ich dulde keine doppelzüngige Propaganda gegen Israel in der Knesset. Und besonders nicht auf Deutsch." Ein enger Mitarbeiter sagt der AFP, sein Parteichef habe den Saal wegen dieser Aussagen verlassen, die er für "himmelschreiende Lügen" halte.

Schulz hat mit seiner Rede vermintes Gelände betreten. Denn insbesondere die Zahlen zur Wasserversorgung der Palästinenser sind hochbrisant. Das zeigen allein die vielen Studien, die es zu dem Thema gibt. Und bereits bei der Berechnungsgrundlage gibt es ein Problem. Denn die Zahl der Palästinenser im Westjordanland ist umstritten, damit variiert natürlich auch der Pro-Kopf-Verbrauch.

Daraus folgen mehrere Fragen: Um welche Verbrauchszahl geht es? Ums Trinkwasser? Oder um den Wasserverbrauch im alltäglichen Leben? Oder wird auch mit eingerechnet, was Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie verbrauchen?

Vertraglich geregelt sind die Wasserfragen in Oslo II, dem Interimsabkommen von 1995. Darin erkennt Israel das Recht der Palästinenser auf Wasser an und garantiert eine Lieferung von 70 bis 80 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Das Joint Water Committee soll sich als gemeinsame Behörde um die Verbesserung der Wassersituation im Westjordanland kümmern.

Die israelische Menschenrechtsorganisation B'tselem rechnet folgendermaßen: Der tägliche Wasserverbrauch der Palästinenser im Westjordanland liege pro Kopf bei 73 Litern. Diese Zahl bezieht sich auf den gesamten Wasserverbrauch, also inklusive der Industrie. In manchen Gebieten liegt der Verbrauch den Angaben der Organisation zufolge sehr viel niedriger: 2008 wurden zum Beispiel im Distrikt von Tubas nur 37 Liter genutzt. Besonders problematisch sei der Menschenrechtsorganisation zufolge die Situation im Jordantal.Hier liege der tägliche Wasserverbrauch bei nur 20 Litern pro Person. Die israelischen Siedler würden hingegen ein Volumen von etwa 450 Litern pro Person und Tag zugeteilt bekommen.

Den durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch von Wasser in israelischen Städten gibt B'tselem mit 242 Litern pro Tag an, in kleineren Gemeinden liege er bei 211 Litern. Damit wäre der israelische Pro-Kopf-Verbrauch dreimal höher als jener der Palästinenser.

Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation liegt übrigens bei 100 Litern Wasser pro Kopf als Minimum.