Zweiter Weltkrieg:Der russische Chronist von Stalingrad

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Hellbeck erzählt auch die Geschichte der Protokolle, die von einer sowjetischen Historiker-Kommission unter Leitung des Moskauer Professors Isaak Israiljewitsch Minz vor Ort und mit möglichst geringem zeitlichen Abstand zum Geschehen eingesammelt wurden.

Zivilbevölkerung in Stalingrad, 1942 Scherl / SZ Photo

Eine ausgebombte russische Frau bereitet in den Trümmer von Stalingrad eine Mahlzeit zu. Das Foto entstand Ende 1942.

(Foto: Scherl / SZ Photo)

Methodisch geschult am realistischen Prinzip eines Maxim Gorki - auf Menschen zugehen, ihnen aufs Maul schauen - entstand ein Oral-History-Projekt von beispielhafter Dichte: Viele tausend Seiten Mitschriften von Interviews. Allein über die Kämpfe um Stalingrad wurden 215 Menschen befragt, von kommandierenden Generalen bis zu einfachen Soldaten, von Chefs des Exekutivkomitees bis zur Krankenschwester.

Später sei das Material in Vergessenheit geraten, ja geächtet und nur mit Mühe vor Vernichtung bewahrt worden, weil der Initiator des Sammlung wenige Jahre nach Kriegsende in die Mühlen der antijüdischen Kampagne gegen angeblichen "Kosmopolitismus" geriet. Der treue Stalinist Minz, Jahrgang 1896, Altbolschewik, im Bürgerkrieg politischer Kommissar einer roten Kosaken-Einheit, findet sich plötzlich als Kopf einer feindlichen Gruppe wieder, verliert seinen Lehrstuhl an der Moskauer Staatsuniversität, seinen Einfluss in der Zunft.

Doch eben nur dies. Er fällt, im Vergleich zu anderen von dieser Säuberung Betroffenen, nicht sehr tief, darf am Pädagogischen Institut der Hauptstadt weiter lehren, dessen Professuren bald mehr gelten werden als die der Lomonossow-Universität. Er bleibt in der Akademie und in seiner Akademie-Datscha. Und erweist sich noch in der Ungnade als liebedienerischer Stalinist.

Opfer des Systems sehen anders aus

Denn als die angebliche Verschwörung jüdischer Ärzte zur Ermordung Stalins Ende 1952 den Antisemitismus in der sowjetischen Hauptstadt zum Sieden bringt, wirbt Minz mit zwei weiteren Genossen bei der jüdischen Prominenz um Unterschriften für einen Brief an die Prawda: "Der unheilvolle Schatten der Mörder in den weißen Kitteln", heißt es dort, laste "schwer auf der jüdischen Bevölkerung der UdSSR" - und "abgewaschen werden" könne dieser "schlimme Schandfleck" nur durch eine kollektive Verpflichtung sowjetischer Juden, den fernen Osten des Landes zu besiedeln und urbar zu machen.

Erst in letzter Minute gelingt es dem angesehenen Schriftsteller Ilja Ehrenburg durch einen raffiniert-doppeldeutigen Brief an Stalin, den Abdruck dieser beschämend-devoten Bitte um Deportation durch die zentrale Parteizeitung zu verhindern. - Kurz darauf starb der "große Lehrer".

Minz, der Chronist von Stalingrad, profiliert sich erneut - nun als Kämpfer gegen den Zionismus, erhält einen Leninpreis und den Titel "Held der sozialistischen Arbeit", dient als Lehrstuhlinhaber an der ZK-Akademie für Gesellschaftswissenschaften bis an die Schwelle der Perestroika, 1986. Dieser Teil der Minz-Biografie findet sich bei Hellbeck freilich nicht: Er zeichnet ihn als Opfer des Systems, doch die sehen anders aus.

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