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SPD-Politikerin Manuela Schwesig:"Und grüßen Sie mir den Stein...äh...dings"

Manuela Schwesig

Politik funktioniert über Gesichter, Manuela Schwesig ist ein Gesicht, das der SPD gefehlt hat.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Küsten-Barbie" oder "die geförderte Frau" - solche Frechheiten wurden erfunden, als Manuela Schwesig auf der großen politischen Bühne antrat. Mittlerweile hat die SPD-Sozialministerin aus Mecklenburg-Vorpommern eine der steilsten Politikerkarrieren der vergangenen Jahre hingelegt. Ein Tag mit der SPD-Frau für Bürgernähe.

Na endlich, da rollt einer um die Ecke: ein Bürger. Noch besser: ein verletzter Bürger, Kategorie alt, schutzbedürftig. Er sitzt im Rollstuhl, der Bauch lugt aus der Trainingsjacke hervor, der Fuß steckt in einem schlumpfblauen Gips. Das ist Manuela Schwesigs Moment: Sie schießt auf den Mann zu, die Hand ausgestreckt wie eine Verkehrskelle. Hier ist Bürgernähe gefragt. "Was haben Sie denn gemacht?" - "Kirschen gepflückt. Unterm Baum ausgerutscht", sagt er.

"Wie?", fragt sie, "so eine Aktion, von der man sagt, so etwas Doofes könnte mir nie passieren?" - "Ja. Zweimal gebrochen." - "Und wer isst jetzt die Kirschen?" -"Die Stare." Da lachen die Bürger, Schwesig wünscht gute Besserung. Der Patient ist selig. "Danke, Frau Schwesig", sagt er. "Und grüßen Sie den Stein...äh...dings."

So ändern sich die Zeiten: Frau Schwesig soll den Steindings grüßen. Es muss dazu gesagt werden, dass dies ein Gruß aus der Kreisklinik Demmin ist, aus Mecklenburg-Vorpommern. Manuela Schwesig, 39, ist hier Ministerin der SPD für Arbeit, Gleichstellung und Soziales, aber für das kleine Land an der Ostsee ist sie mehr: Sie ist eine Stimme Mecklenburg-Vorpommerns in Berlin. Sie ist stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende, sie wird gehört von den Großen. Sie ist das "soziale Gesicht der SPD", so wird sie genannt.

"Küsten-Barbie" hat sich einen Namen gemacht

Sie war "Steinmeiers Mädchen", so hieß es früher. Oder "die geförderte Frau". Oder "Küsten-Barbie". Besonders viele solche Frechheiten wurden vor vier Jahren erfunden, als der damalige SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier vor der Bundestagswahl 2009 die bis dahin kaum bekannte Ministerin aus Schwerin in sein Kompetenzteam holte. Natürlich fiel den Leuten da erst mal auf, dass Schwesig blond ist, blauäugig und ein nettes Gesicht hat. Barbie eben.

Aber heute ist Manuela Schwesig wieder im Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten, der heißt diesmal Peer Steinbrück, und es fällt auf, wie sehr sich seine Frau fürs Soziale in der Zwischenzeit einen Namen gemacht hat auf ihrem Gebiet. Manuela Schwesig ist angekommen, spätestens seit sie 2011 als Verhandlungsführerin der SPD mit der CDU um neue Hartz-IV-Gesetze rang. Heute gehen viele Versprechen, die die SPD in ihrem Programm zur Bundestagswahl Familien gibt, auf sie zurück.

Steinbrücks Mannschaft für die Bundestagswahl

Der Kandidat und sein K-Team

Ein Tag mit Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern erklärt viel über diese Versprechen und die Gedanken dahinter. Und erklärt viel über diese Frau, die eine der steilsten Karrieren in der deutschen Politik der vergangenen Jahre hingelegt hat. Nicht alle haben ihr das gegönnt.

Nach Auftritten heißt es häufig, Schwesig habe in Sprechblasen geredet

Die Fahrt von Schwerin nach Demmin dauert eine Stunde, Manuela Schwesig fährt die Jalousie am Autofenster runter. Links und rechts ziehen aufwendig restaurierte Häuser vorbei, hinter jeder Ecke blitzt ein neuer See. Die Ministerin erzählt von der Schönheit Schwerins, von der Geschichte und von der kleinen Größe, was sie sofort darauf bringt, wie praktisch kurze Wege für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien. Ein Blick auf die Uhr: Es hat keine zehn Minuten gedauert, bis zum ersten Mal die Formel "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" gefallen ist. Für Schwesig sind diese fünf Worte eine Art Motto, ein Antrieb. "Das Ministerium ist nicht weit von unserer Wohnung und von unserer Kita entfernt", sagt sie. Schwesig hat einen sechsjährigen Sohn, einen Vollzeitjob, einen berufstätigen Mann. "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" ist für sie auch ein persönliches Anliegen. Sie erlebt täglich selbst, wie schwer es ist, Job und Kind gleichzeitig gerecht zu werden - und an welchen Stellen es dabei in Deutschland noch hakt. Es sind viele Stellen.

"Ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ist wichtig. Aber er gilt schon als erfüllt, wenn die Betreuung von acht bis zwölf geht", sagt Schwesig. Für sie würde das nicht reichen - für die meisten reicht es nicht. Deshalb hat Schwesig im SPD-Programm den Anspruch auf einen Ganztags-Kitaplatz durchgesetzt. "Im zweiten Schritt soll der Anspruch auf einen Ganztagesplatz in der Schule folgen", sagt sie.

Das ist ein typischer Schwesig-Satz, und das ist manchmal ein Problem: So gut die Ministerin die Herausforderungen junger Eltern kennt, so leidenschaftlich sie darüber reden könnte - so trocken tut sie es. Als würde sie ablesen. Es hat auch mit dieser Art zu tun, dass es nach großen Auftritten oft heißt, Schwesig habe wieder in Sprechblasen geredet. Es hat aber wohl auch damit zu tun, dass es leichter ist, eine Forderung als Sprechblase abzutun als sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen.

Denn dann könnte es teuer werden.

"Eltern brauchen neben dem Recht auf Teilzeit auch ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit", sagt Schwesig. Sie ist in der DDR aufgewachsen, in Frankfurt an der Oder, als Tochter eines Schlossers. Sie kam mit neun Monaten in die Krippe, und wenn sie heute über Betreuungsfragen westdeutscher Familien spricht, wirkt sie oft, als wundere sie sich. Etwa über das Wort "abgeben". "Ich gebe mein Kind nicht ab", sagt sie, die Erziehungsverantwortung habe weiterhin sie. "Ich habe mich nie von meinen Eltern vernachlässigt gefühlt, weil beide gearbeitet haben."

Die kleine Bühne liegt ihr

"Ich habe mich nie": Wenn eine Familienpolitikerin das sagt, darf man besorgt sein. Kristina Schröder, amtierende Familienministerin der CDU, hat sich nie als Frau diskriminiert gefühlt, weshalb sie nichts von der Quote hält. Sie hat sich nie gezwungen gefühlt, als Mutter zu arbeiten, weshalb sie "grundsätzlich froh" über das Betreuungsgeld ist. Vielleicht betont Manuela Schwesig deshalb so sehr: "Ich schließe nicht von mir auf andere." Sie setzt sich für eine Familien-Teilzeit ein, bei der beide Eltern Stunden reduzieren können, ohne finanzielle Einbußen. Wer den Rest zahlen soll? Sie weicht aus: "Der Bildungsausbau würde 20 Milliarden Euro kosten", antwortet sie knapp. Da bremst die Limousine.

Vor der Klinik in Demmin wartet der Geschäftsführer. Es ist heiß. Er schwitzt. Die Ministerin bringt 390.000 Euro für den Ausbau der Augenheilkunde. Sie trägt ein Seidentop, einen geblümten Rock, Goldschmuck. Sie grüßt in alle Richtungen, schüttelt engagiert Hände. Man muss jetzt nicht weiter über Schwesigs Aussehen schreiben, es reicht zu sagen, dass sie auffällt. Dass sie auf Menschen zugehen kann, ihnen das Gefühl gibt zuzuhören, sie ernst zu nehmen. Auf der großen Bühne mag sie steif wirken - die kleine Bühne liegt ihr.

Der Klinikdirektor bitte zum Kaffee. Er nuschelt, spricht von Zahlen und Bilanzen. Schwesig hört konzentriert zu. Sie war früher beim Finanzamt, vielleicht fällt es ihr daher leicht, sich auf Langeweile einzulassen. Sie bittet dann trotzdem bald, das Haus zu sehen - und die Patienten. Manuela Schwesig auf Suche nach Bürgernähe erinnert zuweilen an einen motivierten Single beim Speed-Dating: "Hallo, ich bin Ihre Sozialministerin, und ich wollte mal fragen: Wie finden Sie es denn hier?" Das klingt wie ein Einstieg in einen hölzernen Flirt. Die Patienten freuen sich trotzdem. Erzählen, wo sie herkommen, wo ihre Kinder hingezogen sind, wie nett die Pfleger sind. Wo es wehtut.

Die Chefin Schwesig passt nicht ganz ins Bild der Ministerin Schwesig

Politik funktioniert über Gesichter. Manuela Schwesig ist ein Gesicht, das der SPD gefehlt hat. Ausgerechnet bei den Sozialdemokraten klaffte, bevor sie die junge Frau aus dem Osten entdeckten, eine Lücke im sozialen Bereich. Die Partei wurde vor allem von jungen Frauen und im Osten zu wenig gewählt. Es gibt viele, die sagen, die SPD habe Schwesig, die erst 2003 Mitglied wurde, nur deshalb aufgebaut - ohne Ochsentour, Hinterzimmer, Juso-Karriere. Die Männertroika-Partei steht ja sonst nicht im Ruf, Frauen übermäßig zu hätscheln.

Es gibt aber auch viele, die sagen, dass Schwesig selbst nicht gerade der Typ ist, der andere hätschelt. Dass Schwesig knallhart sein kann und ehrgeizig. Dass sie in ihrem ausgeprägten Streben nach Öffentlichkeit und Medienpräsenz ihren Mitarbeitern teilweise überlange Arbeitszeiten abverlangt, bis es nicht mehr geht. Dass die Fluktuation im Team hoch ist - wer nicht mithalten kann, ist draußen. Dass also die Chefin Schwesig nicht ganz in das Bild passt, das die Ministerin Schwesig so gern vermittelt. Vielleicht ist sie auch deshalb unter den SPD-Machos so schnell so weit gekommen: weil der Aufstieg in der Politik, wie in jeder Männerdomäne, eine gewisse Rücksichtslosigkeit braucht.

Nächste Generation der SPD

Wer nach Steinbrück kommt

Die Ministerin sieht die Debatte um ihre steile Karriere gelassen: "Am Ende ist entscheidend, ob man politische Ziele durchsetzt und ob das honoriert wird", sagt sie. Da mag man kaum etwa gegen sagen, das ist das Gute an Sprechblasen: Sie sind so schön unverbindlich. Allerhöchstens könnte man nun einwenden, dass es nicht gerade danach aussieht, als würden die Ziele der SPD im Herbst honoriert.

Aber da sitzt Manuela Schwesig schon im Auto, fährt weiter nach Stralsund. Am Nachmittag wird sie dort gut ankommen.

© SZ vom 27.07.2013/sks
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