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SPD:Doppelmoral

Sigmar Gabriel kommt aus einer traditionsreichen Arbeiterpartei - und ließ sich ausgerechnet von der Firma Tönnies engagieren, die für ihren schlechten Umgang mit Arbeitern bekannt ist. Damit schadet der ehemalige Vorsitzende seiner Partei und auch dem Ansehen der Politik.

Von Joachim Käppner

Eines ist sicher: Sigmar Gabriel hat der politischen Klasse keinen Gefallen getan. Seine kurzlebige Karriere als Tönnies-Berater wird die Feindbilder all jener fördern, die ohnehin den Nonsens glauben, "die Politik" und "die Politiker" seien eine Kaste, die von den Nöten des Volkes keinen Schimmer habe und vor allem an Selbstbereicherung denke. Diese Empörung ist oft kenntnislos, wohlfeil und ungerecht.

Es mag ein Skandal von eher kleinem Karo sein: Sich aber gegen ordentlich Bares als Berater ausgerechnet eines jener Fleischkonzerne zu verdingen, die er als Wirtschaftsminister wegen ihrer zwielichtigen Praktiken gerügt hatte, war eine schlechte Idee von Gabriel. Natürlich dürfen Politiker nach ihrer Laufbahn Geld in der Privatwirtschaft verdienen, aber es gibt Dinge, die tut man aus Anstand einfach nicht. Die Tönnies-Episode des früheren SPD-Vorsitzenden gehört dazu.

Die SPD löst sich unter Gabriels Nachfolgern ohnehin von den Resten ihrer traditionellen Basis, wie die hochnäsige Pauschalkritik von Saskia Esken an der Polizei unfreiwillig demonstrierte. Wenn der ehemalige Chef einer ehemaligen Arbeiterpartei einen Konzern berät, der seine Arbeiter so schlecht behandelt, schadet er sich und der SPD. Es ist eine kleine Wegmarke mehr im Niedergang einer ehemals großen Partei.

© SZ vom 03.07.2020

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