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Sowjetunion:Der Boss und seine Bande

Sheila Fitzpatrick betrachtet das Wirken von Josef Stalins "Mannschaft" - doch der Studie mangelt es an kritischer Tiefenschärfe.

Wie hat Stalin seinen "Diktatorenjob" ausgeübt? Der Vorstellung, er habe ausschließlich einsame Entscheidungen gefällt, tritt die renommierte Sowjetunion-Historikerin Sheila Fitzpatrick mit einer Darstellung entgegen, in deren Zentrum "Stalins Mannschaft" steht. Sie fokussiert sich nicht allein auf den "Boss" (russisch "Chozjain"), wie das zahlreiche Biografen vor ihr getan haben, auch wenn sie dessen beherrschende Rolle keineswegs grundsätzlich infrage stellt. Diese habe er aber in enger Kooperation mit einem Team von etwa einem Dutzend ihm treu ergebener Spitzenfunktionäre gespielt.

Die "Mannschaft" bildete sich in den Diadochenkämpfen nach Lenins Tod heraus, aus denen Stalin Ende der 1920er-Jahre erfolgreich hervorging - ein Sieg, den er mit der Ermordung seiner früheren Gegner mittels der großen Schauprozesse 1936 bis 1938 und der Ermordung Leo Trotzkis durch einen Agenten im mexikanischen Exil 1940 vervollständigte.

Die "Mannschaft" war kein formelles Gremium und, obwohl es große personelle Überschneidungen gab, nicht identisch mit dem Politbüro. Die Verfassungsprobleme des sowjetischen Staats- und Parteiapparats interessieren Fitzpatrick indes nicht, ihr geht es darum, "das Wirken der Führungsriege in der Praxis zu betrachten". Sie präsentiert, immer das Team um Stalin im Blick, eine Geschichte der nach ihm benannten Epoche und der Folgejahre bis 1957. Dann hatte Chruschtschow die Vorherrschaft errungen und die "Mannschaft" kam an ihr Ende. Der Fokus ist auf das Beziehungsgefüge des Spitzenteams gerichtet, für das vor allem die Namen von altgedienten Revolutionären wie Molotow, Kaganowitsch oder Mikojan, stehen, aber auch derjenige Ordschonikidses, der sich angesichts des stalinschen Terrors das Leben nahm, der des Newcomers Chruschtschow oder der des jungen Nikolaj Wosnesenskij, der im Zuge der sogenannten Leningrader Affäre 1950 zum Tode verurteilt und erschossen wurde. Man lebte gefährlich in der sowjetischen Politik, auch nach dem Zweiten Weltkrieg.

A woman takes a selfie while standing in front of the busts of Soviet leader Stalin and Soviet state founder Lenin at the Alley Of Rulers in Moscow

Selfie mit Josef: Büste von Stalin (im Hintergrund Lenin) in Moskau. Der Diktator hatte aber auch noch einige Helfer und Helfershelfer.

(Foto: Sergei Karpukhin/Reuters)

Die Bedrohung, aber auch die in langjähriger Arbeit erworbene Führungspraxis hätten die Mannschaft befähigt - so ein zentraler Befund Fitzpatricks - unmittelbar nach dem Tode Stalins einen koordinierten und geordneten Übergang sowie weitreichende Reformen zu bewerkstelligen, nicht zuletzt den partiellen Abbau des Gulag. Obwohl gerade der langjährige Geheimpolizeichef Berija den Abbau des Terrors vorantrieb, war er das "Mannschafts"-Mitglied, das von den anderen so gefürchtet wurde, dass sie ihn mittels eines politischen Prozesses nach stalinistischem Muster beseitigten. Im Juni 1953 wurde er verhaftet und ein halbes Jahr später wegen angeblichen Landesverrats, Konterrevolution und Terrorismus zum Tode verurteilt und hingerichtet. Im Weiteren wurden Positionskämpfe unblutig ausgefochten. So konnten die später als "Parteifeinde" abgehalfterten Veteranen Molotow und Kaganowitsch steinalt werden und noch in den 1970er- und 1980er-Jahren biografische Interviews geben. Auf diese, auf viele Memoiren und auf die seit den 1990er-Jahren entstandene "Kinderliteratur" - die Erinnerungen der Kinder hochrangiger Politiker an ihre Väter (Frauen gab es in der "Mannschaft" nicht) - stützt Fitzpatrick sich in hohem Maße; für vieles gibt es auch keine anderen Quellen. Ihr Interesse für "die menschliche Seite von Stalins Mannschaft" wurde schon in den späten 1960ern geweckt, als sie in Moskau für ihre Dissertation über den Bildungs-Volkskommissar Anatolij Lunatscharskij recherchierte und dessen einstigen Sekretär Igor Saz kennenlernte, der ihr ein väterlicher Freund wurde und ihr Verständnis für das Leben hinter den Kulissen förderte.

All das trägt gewiss dazu bei, dass "Stalins Mannschaft" ein lebendig erzähltes und gut lesbares Buch geworden ist. Die kritische Distanz zum Gegenstand, um die man sich durch Beiziehung anderer Forschungsergebnisse bemühen müsste, befördert es aber nicht. Hier gibt es deutliche, zum Teil sogar irritierende Schwächen. So wird zum Beispiel Molotows selbstzufriedene Äußerung gegenüber seinem Interviewer Tschujew zitiert, er habe bei seinem Staatsbesuch in Berlin im November 1940 gegenüber Ribbentrop "seine" Positionen hart vertreten und konstatiert, Molotow habe begonnen, "sich auf dem diplomatischen Parkett etwas freier zu bewegen". Tatsächlich wurde er bei seiner Berlinmission von Stalin an der ganz kurzen Leine gehalten, wie dessen bereits seit Langem publizierten einschlägigen Weisungen belegen. Fitzpatrick scheint diese Dokumente nicht zu kennen. Überhaupt ist die Geschichte der internationalen Beziehungen nicht ihre Stärke. So schreibt sie etwa, Finnland habe im Winter 1939 "ungeachtet des gewaltigen Kräfteungleichgewichts" der Sowjetunion den Krieg erklärt. Tatsächlich begann der Krieg nach einem fingierten Grenzzwischenfall mit dem Angriff der Roten Armee.

Sheila Fitzpatrick: Stalins Mannschaft. Teamarbeit und Tyrannei im Kreml. Übersetzt v. Christiana Goldmann. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017.

Am problematischsten ist jedoch das Kapitel über den "Großen Terror". Diesen "durch die Brille von Stalins engsten Mitarbeitern zu betrachten, die sowohl Mittäter als auch potenzielle Opfer waren, ist etwas Neues", schreibt die Autorin, die allerdings im englischen Original nur von der "Great Purge", also der "Großen Säuberung" spricht. Und nur über eine, wenn auch mörderische "Säuberung" von Partei- und Staatsinstitutionen schreibt sie auch. Zwar erwähnt sie im Zusammenhang mit der Vorbereitung von Chruschtschows enthüllender Geheimrede auf dem 20. Parteitag 1956, die Befunde einer Untersuchungskommmssion, wonach zwischen 1935 und 1940 fast zwei Millionen Menschen verhaftet und von ihnen mehr als 688 000 erschossen worden seien. Im Kapitel über den Großen Terror spielen diese Daten aber keine Rolle - genauso wenig übrigens wie seinerzeit in Chruschtschows Rede. Tatsächlich hatte das Politbüro, und damit im Wesentlichen die "Mannschaft", 1937 exorbitante Verhaftungsquoten mit Anteilen für Todes- und langjährige Gulagstrafen beschlossen, die dann aufgrund entsprechender Anträge aus den Regionen immer weiter gesteigert wurden. Als Stalin den Terror im November 1938 stoppte, hatten zirka 1,5 Millionen Verhaftungen und mehr als 681 000 Erschießungen stattgefunden. Dabei ging es um Sowjetbürger aller Kategorien, - Bauern, Arbeiter, Angestellte - und keineswegs nur um Funktionäre. Besonders hart traf es Angehörige nationaler Minderheitengruppen, vor allem Polen und Deutsche.

Diese Vorgänge werden, seit sie durch die Öffnung der Archive Anfang der 1990er-Jahre im Detail bekannt wurden, als Großer Terror bezeichnet. Bei Fitzpatrick spielen sie keine Rolle - als ob die Organisation dieses hunderttausendfachen Massenmordes nicht zum "Wirken der Führungsriege in der Praxis" gezählt hätte. So bedeutsam es für das Verständnis des Stalinismus ist, dieses Wirken in den Blick zu nehmen - und in der Eröffnung dieser Perspektive liegt zweifelsohne Fitzpatricks Verdienst - ist dabei doch eindeutig mehr kritische Tiefenschärfe nötig als ihre Darstellung sie aufweist.

Jürgen Zarusky ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte.