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Sinti und Roma:Vorurteile im Trockner

Bayern schließt einen Entstigmatisierungs-Vertrag.

Von Heribert Prantl

Früher holte man auf dem Land die Wäsche von der Leine, wenn die Zigeuner kamen; heute steckt man auch dort die Wäsche in den Trockner. Aber die alten Vorurteile gegen die Sinti und Roma sind geblieben. Studien sagen, dass von allen Minderheiten die Minderheit der Sinti und Roma in Deutschland auf die schärfste Ablehnung stößt, gefolgt von den Asylbewerbern und Muslimen. Man kann über die Hartnäckigkeit solcher Vorurteile klagen. Aber so ein Lamento ändert an der Ablehnung wenig; es ändert so wenig, wie das 2012 in Berlin eingeweihte Denkmal etwas geändert hat, das an die Sinti und Roma erinnert, die von den Nazis umgebracht wurden.

Vielleicht kann ein Staatsvertrag etwas ändern, vielleicht kann er eine Art Anti-Stigmatisierungsvertrag sein. Nach Baden-Württemberg und Hessen hat soeben auch Bayern einen solchen Staatsvertrag mit den deutschen Sinti und Roma geschlossen. Es sind dies Verträge, die diese offiziell als nationale Minderheit anerkennen, die die Sprache Romanes "als Teil des kulturellen Erbes" in Deutschland schützen - und der Feindseligkeit entgegentreten wollen, die den Sinti und Roma immer noch entgegenschlägt. Viele von denen verschweigen bis heute ihre Zugehörigkeit, wenn es um Wohnungssuche oder Arbeitsplatz geht. Warum? Wenn sie sich outen, haben sie ein Problem.

Ein Staatsvertrag kann, wenn er mit Leben erfüllt wird, Teil eines großen Projekts sein. Dieses heißt: Dekonstruktion von Vorurteilen.

© SZ vom 21.02.2018
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