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Serbien:Mächtiges Misstrauen

Die Proteste haben guten Grund - und sind gefährlich.

Von Peter Münch

Viele Serben haben genug - von den Maßnahmen ihres Präsidenten zur Virusbekämpfung und von ihrem Präsidenten selbst. Die Wut treibt sie auf die Straße, wo sich in diesen Tagen weit mehr Menschen sammeln als nur jene stets gewaltbereiten Rechten, die meist die Bilder und Berichte dominieren. Es ist ein Aufruhr der Erschöpften und Enttäuschten, der dem seit 2014 zunehmend autokratisch regierenden Aleksandar Vučić noch Probleme bereiten könnte.

Zuzuschreiben hat er sich diese Probleme selbst mit seiner Zickzackpolitik zur Pandemiebekämpfung. Erst hat er sich öffentlich lustig gemacht über dieses neuartige Virus. Dann hat er radikal umgeschaltet und die Serben den härtesten Beschränkungen weit und breit unterworfen. Schließlich hat er wieder alle Maßnahmen über Bord geworfen, um sich zeitgleich als Sieger über das Virus und einer Parlamentswahl zu präsentieren.

Das ist keine verantwortungsvolle Politik, sondern gesundheitsgefährdender Populismus. Kaum verwunderlich also, dass viele in der Bevölkerung das Vertrauen verloren haben, dass ihre Führung sie mit Umsicht durch die Krise leitet. Dies jedoch ist nicht nur riskant für Vučić, sondern für alle. Denn von dem wütenden Misstrauen der Bürger gegenüber der Regierung könnte am Ende der gefährlichste Gegner profitieren: das Virus.

© SZ vom 10.07.2020
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