Selbstjustiz in den USA Im Namen des Volkszorns

Lynchmord an Thomas Shipp und Abram Smith im US-Bundesstaat Indiana im Jahr 1930

(Foto: Getty Images)

Die "schlimmste Erscheinungsform des Rassismus in den USA": Der Historiker Manfred Berg analysiert in einer erschütternden Studie die lange tolerierte Lynchjustiz in den Vereinigten Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg endete die Praxis - und wurde durch das Regime der Todesstrafe ersetzt.

Von Rudolf Walther

Am 13. Juni 2005 verabschiedete der amerikanische Senat eine Resolution, mit der er sich bei den Opfern von Lynchjustiz entschuldigte und diese Praxis als "schlimmste Erscheinungsform des Rassismus in den USA" anprangerte. Der Senat gestand sein Versagen ein, weil er keiner der rund 200 Gesetzesvorlagen für ein Bundesgesetz gegen Rassismus, die seit 1900 eingebracht worden waren, zugestimmt hatte, obwohl "99 Prozent" der Mitwirkenden bei Lynchmorden der Strafverfolgung entgingen. Nie zuvor und nie danach hat ein amerikanisches Parlament eine solche Mitverantwortung an einem Verbrechen eingeräumt.

Als Erster präsentiert Manfred Berg eine umfassende Darstellung und Analyse des politischen Großverbrechens in deutscher Sprache. Im Unterschied zu anderen politisch motivierten Verbrechen wie Vertreibungen, Säuberungen und diskriminierenden Gesetzen gegen Minderheiten ging die Lynchjustiz in den USA aber nicht von staatlichen Institutionen aus. Sie beruhte vielmehr auf mehr oder weniger spontaner Selbstjustiz von gleichzeitig politisch erregten und wirtschaftlich interessierten Bürgern, deren Taten der Staat in stiller Komplizenschaft hinnahm oder einfach duldete oder nur mit lächerlich nachsichtigen Gerichtsurteilen sanktionierte.

Berg definiert den Lynchmord präzis als "extralegale Bestrafung angeblicher Verbrecher durch mehr oder weniger organisierte Gruppen" im Namen der "gemeinschaftlichen Verteidigung von Recht und Ordnung". Er grenzt diese archaische Praxis damit ab von "hate crimes", die ohne Billigung des Publikums stattfanden, und "race riots" sowie anderen pogromartigen Attacken auf Minderheiten.

Das Wort "lynchen" geht auf einen Oberst zurück

Historiker belegen, dass allein zwischen 1882 und 1946 mindestens 4716 Menschen Opfer von so definierten Lynchmorden wurden. Achtzig Prozent der Taten fanden im Süden der USA statt und 3425 Opfer waren Afroamerikaner.

Die Praxis der Selbstjustiz ist jedoch mehr als hundert Jahre älter. Das Wort "lynchen" geht wahrscheinlich auf den Oberst Charles Lynch aus Virginia zurück, der Anhänger der britischen Kolonialmacht mit der Berufung auf "Lynch's Law" verprügeln ließ. Im Kampf um die Eroberung des Westens bildeten sich unter den Pionieren Bürgerkomitees ("vigilance committees"), die sich mangels funktionierender staatlicher Organe mittels Selbstjustiz gegen Räuberbanden, Vieh- und Pferdediebe wehrten.

Im Süden der USA, wo die Sklavenwirtschaft herrschte, war die Praxis der Selbstjustiz ("popular justice") eindeutig rassistisch codiert und diente der Disziplinierung von Sklaven. Formen von "popular justice" gab es in der ganzen Welt zwischen Russland und Lateinamerika, aber nirgends hielt sie sich so hartnäckig lange wie in den USA, wo das staatliche Gewaltmonopols - trotz eines drakonischeren Strafrechts - weniger geachtet wurde als in Europa.