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Schweden:Verwirrende Variablen

Die Gesundheitsbehörde hat sich bei der Zahl der Infizierten vertan. Auf einen gemeldeten Infizierten im Land kommen demnach 75 noch nicht entdeckte Infizierte - und nicht 1000. Kürzlich noch hatte die Behörde Kritiker wegen Rechenfehlern diskreditiert.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Schwedens Gesundheitsbehörde hat einen groben Fehler eingeräumt in einem ihrer Rechenmodelle über die Zahl der Infizierten im Land. Anders Wallensten, der stellvertretende Staatsepidemiologe, erklärte am Donnerstag, seine Behörde gehe nach neuen Berechnungen davon aus, dass auf einen gemeldeten Infizierten im Land 75 noch nicht entdeckte Infizierte kämen, nicht, wie am Dienstag gemeldet 1000. Für den Raum Stockholm bedeute dies, dass man am 1. Mai mit einer Infektionsrate von 26 Prozent der Bevölkerung rechne. Stockholm, sagte Wallenstein, habe den Gipfel der Infektionen wohl schon am 8. April erlebt. Für eine Entwarnung sei es allerdings viel zu früh: "Wir sehen keinen Rückgang", sagte er.

In dem Bericht am Dienstag hatte es geheißen, die Behörde gehe von einer Dunkelziffer von 1000 nicht gemeldeten Infizierten pro gemeldeter Infektion aus. Für den Raum Stockholm hätte das bedeutet, dass auf die zu dem Zeitpunkt gemeldeten 6000 Infizierten sechs Millionen nicht gemeldete Infizierte gekommen wären - dreimal so viele wie in dem Großraum überhaupt leben. "Es war ein Fehler", sagte Wallensten am Donnerstag. Es seien falsche Variablen durchgerutscht, man habe sich jedoch schnell korrigiert. Ebenfalls zurückgezogen wegen methodischer Fehler wurde diese Woche ein Bericht von Forschern des Karolinska Universitätskrankenhauses über Blutspendeproben.

Schweden setzt auch auf Social Distancing, verzichtet aber anders als die anderen europäischen Länder auf Zwang und Verbote. Dieser Kurs wird von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen, die Sozialdemokraten erklimmen in Umfragen immer neue Höhen: Am Donnerstag lagen sie bei 30 Prozent, sieben Prozentpunkte mehr als noch vor zwei Monaten. Er findet aber auch Kritiker unter Virologen und Epidemiologen. Vorletzte Woche hatten 22 von ihnen in einem offenen Brief die Strategie kritisiert und einen Kurswechsel verlangt. Weil sich aber eine fehlerhafte Zahl eingeschlichen hatte, hatten Vertreter der Gesundheitsbehörde die Kritiker unter Verweis auf deren Rechenfehler diskreditiert, was die falschen Modelle der Behörden diese Woche besonders peinlich macht.

Am Donnerstag überstieg die Zahl der Todesfälle erstmals 2000. Damit liegt Schweden auf Platz sieben in der Rangliste der Todesfälle pro eine Million Einwohner - weit vor den nordischen Nachbarn, aber hinter Italien oder Spanien. 524 Patienten liegen auf den Intensivstationen, damit sind noch immer Kapazitäten frei, was für die Behörden ein Zeichen für den Erfolg ihres Kurses ist. Ministerpräsident Stefan Löfven warnte derweil, die Gefahr sei nicht vorbei: "Jetzt ist nicht der Punkt, um lockerzulassen". In den letzten Tagen waren die Menschen bei schönem Wetter in die Lokale geströmt.

© SZ vom 24.04.2020
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