Schweden Einflussnahme auf Chinesisch

Immer noch verschwunden: Demonstranten erinnern in Hongkong an das Schicksal von Gui Minhai.

(Foto: Bobby Yip/Reuters)

Im Fall des vermissten Verlegers Gui Minhai gibt es eine neue Wendung. Mit dabei: Schwedens Botschafterin.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Angela Gui, geboren im schwedischen Göteborg, Doktorandin der Geschichtswissenschaften in Cambridge, wird diese Woche ihren 25. Geburtstag feiern. Sie ist keine ganz normale Studentin, denn ihr Vater Gui Minhai, ebenfalls schwedischer Staatsbürger, zuletzt Verleger in Hongkong, ist seit drei Jahren in den Händen des chinesischen Sicherheitsapparats. Tochter Angela Gui wurde in diesen Jahren, in ihren eigenen Worten, zur "Aktivistin aus Versehen". Aber wahrscheinlich hätte Angela Gui nicht geglaubt, dass sie eines Tages selbst die Hauptperson in einer neuen Wendung des Thrillers um ihren verschwundenen Vater werden würde.

"Wenn Du mir nicht vertraust, dann siehst Du Deinen Vater nie wieder"

Genau dies ist nun geschehen. Schweden reibt sich die Augen ob des soeben enthüllten jüngsten Kapitels der Saga Gui Minhai, das sich vor Kurzem in Stockholm zutrug, als Angela Gui zu einem konspirativen Treffen in die schwedische Hauptstadt geladen wurde. Die Hauptrollen spielen neben Angela Gui die schwedische Botschafterin in Peking, Anne Lindstedt, und dubiose chinesische Geschäftsleute, täglich werden neue bizarre Details bekannt. Kritikern zufolge werfen die Enthüllungen wieder einmal ein Licht auf die Mechanismen des chinesischen Systems und mögliche Versuche chinesischer Einflussnahme in Europa. Vor allem aber haben sie dazu geführt, dass Botschafterin Anna Lindstedt aus Peking nach Stockholm zurückbeordert wurde - und dass der schwedische Nachrichtendienst Säpo nun gegen die eigene Botschafterin ermittelt. Der Chef der oppositionellen Linken, Jonas Sjöstadt, nennt es den größten Skandal der schwedischen Außenpolitik "seit Jahrzehnten".

Vater Gui Minhai war einst als Student aus China nach Schweden gekommen und nach dem Tiananmen-Massaker 1989 dort geblieben. Später baute er einen Verlag in Hongkong auf, der Chinakritisches veröffentlichte. Sein mysteriöses Verschwinden aus seinem Feriendomizil im thailändischen Pattaya im Oktober 2015 dann machte Schlagzeilen. Gui tauchte in einem chinesischen Gefängnis wieder auf. Später wurde Gui in eine Art überwachten Hausarrest entlassen - nur um am 20. Januar 2018 ein zweites Mal gekidnappt zu werden: Chinesische Agenten stürmten einen Zug, in dem Gui saß, begleitet von zwei schwedischen Diplomaten. Die Agenten schnappten sich Gui und trugen ihn vor den Augen der Schweden davon in neue Gefangenschaft - ein Affront, der unter Pekings europäischen Diplomaten noch größeren Frust auslöste, als klar wurde, dass Schwedens Regierung sich auch nach dem Eklat zu keinem lauten Protest durchringen wollte: Stockholm befürchtete offenbar eine Verschlechterung der Beziehungen.

Viel war danach nicht geschehen im Falle Gui - bis seine Tochter Mitte Januar einen Anruf erhielt von Botschafterin Anna Lindstedt. Gui solle nach Stockholm kommen, es gebe "einen neuen Ansatz", chinesische Geschäftsleute hätten Hilfe versprochen, sie selbst werde auch da sein. Also flog Angela Gui am 24. Januar nach Stockholm. Das Treffen, das Angela Gui vor einer Woche erstmals in einem Artikel auf dem Portal Medium beschrieb, fand in einer Lounge des Sheraton-Hotels statt, zu der es nur eine Zugangskarte gab, zwei Tage lang sei sie sogar beim Gang zur Toilette begleitet worden. Angela Gui beschreibt, wie die Geschäftsleute ihr zuerst schmeichelten, ihr Fotos vorlegten, die sie gemeinsam mit dem chinesischen Botschafter in Stockholm zeigten, und wie sie ihr anboten, ihr ein Visum für China und einen Job dort zu besorgen. Sie könnten über ihre Kontakte bei der Freilassung ihres Vaters mithelfen, sagten sie. Dazu müsse sie aber von nun an in der Öffentlichkeit schweigen und alle Kontakte zu Medien umgehend einstellen. China sei nämlich sehr "zornig" ob ihrer Aktivitäten. "Als ich skeptische Fragen stellte, wurde es wirklich bedrohlich", erzählte Angela Gui im schwedischen Fernsehen. "Wenn du mir nicht vertraust, dann siehst du deinen Vater nie wieder", habe einer der Chinesen gesagt.

Die ebenfalls eingeladene Sinologin Cecilia Lindqvist berichtete dem Svenska Dagbladet, wie sie unter einem Vorwand in das Hotel bestellt wurde, ohne zu wissen, was dort geschehen sollte. "Dann kamen plötzlich diese riesige Wagen mit Champagner und Eiskühlern, viel Alkohol", sagte Lindqvist. "Da wusste ich, dass ich hier nicht bleiben sollte." Im Nachhinein sei klar: "Sie wollten ihr Schweigen kaufen." Angela Gui sagt, die Anwesenheit der schwedischen Botschafterin habe ihr lange Zeit das Gefühl gegeben, alles sei in Ordnung. Die Botschafterin, erzählt sie, habe sie ermuntert, auf den Handel einzugehen. China, so erinnert Angela Gui die Worte der Botschafterin, werde Schweden nämlich möglicherweise "bestrafen", wenn die negative Presse nicht ein Ende habe. Wenn aber ihr Vater frei sei, dann könne sie, die Botschafterin, im schwedischen Fernsehen über die "strahlende Zukunft der chinesisch-schwedischen Beziehungen" sprechen.

Die chinesische Botschaft erklärte hernach "feierlich", die Verhandlungen hätten nichts mit ihr zu tun gehabt. Aus schwedischer Sicht ist aber pikanter: Das Außenministerium in Stockholm hatte offenbar auch keine Ahnung gehabt von der Initiative der eigenen Botschafterin. Als Angela Gui ein paar Tage nach dem Treffen im Ministerium anrief, fielen die Beamten dort aus allen Wolken. Das Ministerium berief die Botschafterin zurück nach Stockholm, schickte mittlerweile Inspektoren in die Botschaft nach Peking. Gleichzeitig ermittelt der schwedische Nachrichtendienst Säpo gegen Anna Lindstedt wegen "eigenmächtiger Verhandlungen mit einer fremden Macht". Angela Gui sagt, Lindstedt habe wohl "gute Absichten" gehabt, leider aber "ein schlechtes Urteilsvermögen".