Schwarz-gelbe Koalition verschiebt Einigung:Sehenden Auges vor die Wand

Lesezeit: 2 min

In der Koalition scheint es inzwischen ein Sport zu sein, sich gegenseitig größtmöglichen Schaden zuzufügen. Merkels Chaostruppe hat es in dieser Disziplin zu herausragenden Fähigkeiten gebracht. Während es in der Finanzkrise um Billionen geht, zerlegt sich Schwarz-Gelb selbst.

Thorsten Denkler, Berlin

Es gibt ja Menschen, die das aus Spaß machen. Die auf dem Skateboard bei voller Fahrt gegen geschlossene Rolltore brettern, die sich Raketenantriebe an ihre Inline-Skater basteln und damit mörderisch stürzen. Die sich mit voller Absicht von einem Stier umrennen lassen. Die US-amerikanische Chaotentruppe der Fernsehserie Jackass hat es in der Disziplin "Wie verletzt Du Dich am schnellsten selbst" zu einer gewissen Berühmtheit gebracht.

Hickhack in Koalition

Die Koalition zerlegt sich selbst: Philipp Rösler (FDP), Horst Seehofer (CSU) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

(Foto: dpa)

Eine ähnliche Chaotentruppe regiert seit zwei Jahren dieses Land. Die Damen und Herren von der schwarz-gelben Koalition machen den Jackass-Jüngern inzwischen gehörig Konkurrenz, wenn es darum geht, sehenden Auges gegen jede sich bietende Wand zu rasen.

Beim Koalitionsgipfel vergangene Nacht zum Beispiel. Da gab es keine Einigung - aber das verwundert ja kaum noch. Spannender war zu beobachten, wie sich die Koalitionäre schon vorher selbst zerlegten.

Da schlagen am Donnerstag FDP-Chef, Bundeswirtschaftsminister und Vize-Kanzler Philipp Rösler sowie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ein Steuerreförmchen vor, das mit sechs bis sieben Milliarden Euro zu Buche schlagen soll. Angesicht der Wahlkampfversprechen von 2009 wahrlich keine Großtat. Nur sprechen sie vorher darüber offenbar nicht mit Horst Seehofer, dem CSU-Chef. Der ist entsprechend sauer. Wie immer, wenn er sich übergangen fühlt.

Hätte man wissen können. Hat sich aber keiner dran gestört, wohl auch die Kanzlerin nicht. So kam es, wie es kommen musste. Seehofer reist wutschnaubend zum Koalitionsgipfel nach Berlin und lässt ihn erwartungsgemäß platzen. Einigung? "Da gibt es keine Einigung!", hatte Seehofer noch am Donnerstag trompetet. Und so schnell wird es die wohl auch nicht geben.

Ein schöner Zeitpunkt übrigens für einen Koalitionskrach: Kommende Woche ist es genau zwei Jahre her, dass die schwarz-gelbe "Wunschkoalition" ihre Arbeit aufnahm. Die Runde sollte genau deshalb ein Programm für die kommenden zwei Jahre auf die Beine stellen, das wenigstens den Anschein erweckt, die Koalition werde die Zeit bis zu ihrer sehr wahrscheinlichen Abwahl noch irgendwie sinnvoll nutzen.

Nein, nichts da. Verzeihlich wäre das ja noch, wenn es sonst um nichts ginge. Deutschland geht es verhältnismäßig gut, was weniger an der jetzigen Regierung als an den guten Konjunkturdaten liegt. Doch rundherum tobt die Finanzkrise, es geht nicht mehr um Hunderte Milliarden, es geht um Billionen, die auf dem Spiel stehen.

Da fällt Merkels Combo nichts besseres ein, als sich wegen vergleichsweiser Kleinigkeiten zu verkrachen. Vertrauen ist ein hohes Gut in der Politik. In dieser Finanzkrise ist es mehr als gefragt. In der Koalition vertraut aber noch nicht mal mehr der eine dem anderen. Das unterscheidet Schwarz-Gelb von den Protagonisten der Jackass-Kultserie: Die haben wenigstens Selbstvertrauen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema