Schriftsteller Antonio Skármeta:"Chile ist Territorium der Zweideutigkeit"

sueddeutsche.de: Ihre Erzählung gipfelt im chilenischen Militärputsch, auf den Nerudas Tod folgt - auch in der realen Geschichte Chiles. Stirbt mit dem Tod der Demokratie wirklich die Poesie?

Skármeta: In der Diktatur muss sich die Kunst verstecken. Eine echte, lebhafte und nicht nur scheinbare Demokratie fördert dagegen die Teilhabe. Ich halte zwar nichts von der sogenannten engagierten Kunst, vom Künstler, der die vermeintliche Wahrheit entdeckt hat und sie unters Volk bringen will. Dennoch hat jede Form von Kunst indirekt eine unvermeidbare politische Dimension.

sueddeutsche.de: Wie äußert sich dieser indirekte politische Charakter?

Skármeta: In Chile verlangen die Politiker immer wieder, den Blick in die Zukunft zu richten. Nach dem Motto: "So tragisch die Vergangenheit auch war, jetzt heißt es: Weitermachen!" Vor diesem Hintergrund haben junge chilenische Filmemacher, die die Diktatur gar nicht mehr miterlebt haben - Pablo Larraín, Andrés Wood, Sebastián Silva - große Filme geschaffen. Die demokratische Gesellschaft ist keine Utopie, sondern eine bereits exisiterende Errungenschaft. Die Demokratie strebt nicht nach dem Paradies auf Erden, nicht einmal nach der Gleichheit aller Menschen auf allen Ebenen. Sie ist immer noch verbesserungsfähig, gerade weil sie nicht perfekt ist und keinen Anspruch auf Perfektion erhebt.

sueddeutsche.de: Zuletzt hat sich Chile bei einem höchst unpolitischen Eregnis seiner jungen Demokratie vergewissert. Die Euphorie über die gelungene Rettung der Bergleute hatte staatstragenden Charakter: Menschen im ganzen Land schwenkten Fahnen, die Bergleute schmetterten unter Tage die Nationalhymne - für Außenstehende nahm die Nationaleuphorie bisweilen befremdliche Züge an.

Skármeta: In Chile wird man permanent mit einer Eigenwerbung unter dem Slogan "¡Podemos!" (Deutsch: Wir schaffen das!, oder Englisch: Yes, we can!) konfrontiert. Chile ist landschaftlich wunderschön, jedoch zu einem hohen Preis: Wir werden ständig von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis - vor kurzem sogar beiden auf einmal - heimgesucht. Auf dem Bergbau und dem Export von Bodenschätzen baut unser gesamter Wohlstand auf. Die Selbstvergewisserung in "¡Podemos!" ist Überlebensstrategie.

sueddeutsche.de: Es störte sich also niemand daran, dass der Präsident persönlich am Grubenausgang Hände schüttelte?

Skármeta: Es gibt Kritiker, ich gehöre aber nicht dazu. Das war eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung und es war richtig, dass Sebastián Piñera bei der Befreiung persönlich anwesend war. Mit seiner internationalen PR-Tour im Anschluss hat er es allerdings zu weit getrieben. Piñera erinnert mich an einen Komiker, der immer wieder denselben Witz erzählt, nur weil er einmal gut ankam.

sueddeutsche.de: Bei seinem Deutschland-Besuch hat Piñera mit einer anderen Art von Fauxpax von sich Reden gemacht: Im Schloss Bellevue schrieb er die historisch belastete Verszeile "Deutschland über alles" ins Gästebuch.

Skármeta: Das ist seiner historischen Ignoranz geschuldet. Obwohl das manche behaupten, ist Piñera gewiss kein Faschist, beim historischen Referendum von 1989 hat er gegen Pinochet gestimmt. Die Episode im Schloss Bellevue spiegelt den Zustand der jetzigen Regierung wider, übrigens der ersten demokratisch gewählten Mitte-rechts-Regierung Chiles seit 1958. Die meisten ihrer Mitglieder haben keine politische Erfahrung, sie kommen aus der Wirtschaft wie Piñera selbst (Anm. d. Red.: der Harvard-Absolvent und Multimillionär Piñera, Miteigentümer der Fluggesellschaft LAN, gilt als einer der wohlhabendsten Männer Lateinamerikas). Bei der Kabinettsbildung hatte Piñera Schwierigkeiten, Leute zu finden, die sich aufstellen lassen wollten - das Ministergehalt ist im Vergleich zu ihrem normalen Job ein Witz.

sueddeutsche.de: Wird die Regierung die nach dem Minenunglück gemachten politischen Versprechen einhalten?

Skármeta: Zumindest dürfte es ihr sehr schwer fallen, die angekündigte Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Kumpel zurückzuziehen. Die ganze Welt guckt auf Chile, weil der Präsident selbst den Rettungserfolg an die große Glocke gehängt hat.

sueddeutsche.de: Wo stehen Sie politisch?

Skármeta: Nach meiner Rückkehr aus Deutschland werde ich mich in Chile im Rahmen meiner Möglichkeiten für eine Rückkehr des Mitte-links-Bündnisses an die Regierung engagieren, das gebietet die politische Vernunft. Nach einem Vorfall wie dem in Bellevue reicht es nicht aus, wenn der Außenminister lapidar erklärt, Piñera habe bei den Deutschen gut ankommen wollen. Eine derartige Angelegenheit hat größere Bedeutung und schadet unserem Ruf. Gleichwohl ist mir bewusst, dass die Politik ihren eigenen Spielregeln folgt. Künstler wollen meistens alles sofort, dieser utopische Anspruch auf Vollkommenheit bringt oft aber die gesellschaftliche Stabilität in Gefahr.

sueddeutsche.de: Gehört auch die lückenlose Aufarbeitung des Pinochet-Terrors zu dieser Utopie? Die Opfer des Regimes warten bis heute auf eine offizielle Entschuldigung.

Skármeta: In Chile gibt es einen weitverbreiteten Pragmatismus. In den neunziger Jahren erstellte erstmals eine Kommission einen Bericht über die Verbrechen der Militärdiktatur, wenngleich mit geschwärzten Namen der Täter. Der erste demokratisch gewählte Präsident seit dem Militärputsch, Patricio Aylwin, versprach im Fernsehen unter Tränen: Es werde Gerechtigkeit geben - jedoch im Rahmen des Möglichen. Auf praktisch jede Frage zu Chile kann man mit ja oder nein antworten - Chile ist ein Territorium der Zweideutigkeit.

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