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Schäuble soll Chef der Euro-Gruppe werden:Proporz oder Vernunft?

Mit Wolfgang Schäuble soll ein Mann zum Chef der Euro-Gruppe werden, auf den in ruhigen Zeiten niemand gesetzt hätte. Doch ein deutscher Finanzminister ist nicht der geborene Kandidat für den Vorsitz - die Euro-Gruppe muss neu denken lernen, wenn sie Schäuble zu ihrem Chef machen will.

Cerstin Gammelin

Vergliche man den Klub der 17 Euro-Länder mit einem Schiff, das durch aufgewühlte Gewässer segelte, wäre schnell klar: Ohne erfahrenen Kapitän würden früher oder später Insassen von Bord gespült, wäre das Schiff dem Untergang geweiht. Für das Euro-Schiff gilt: Die See bleibt unruhig, die Finanzmärkte erzeugen anhaltenden Sturm. Allerdings ist der Kapitän müde und will abgelöst werden, weshalb jetzt ein Mann auf die Brücke soll, auf den in ruhigen Zeiten niemand gesetzt hätte: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Der Ruf nach Schäuble mag überraschen. Ein deutscher Finanzminister ist nicht der geborene Kandidat für den Vorsitz der Euro-Gruppe. Vor allem die Arithmetik für ausgewogene Machtverhältnisse in Europa spricht dagegen. Danach wäre es in normalen Zeiten schlicht ausgeschlossen, dass der Vertreter des ohnehin stärksten Euro-Landes, das noch dazu seine eigene nationale Sparkultur europaweit durchsetzen will, sich auch noch den politischen Hut der Währungsgemeinschaft aufsetzen darf.

Nein, normalerweise müsste ein Vertreter eines kleinen Landes den einflussreichsten Job innerhalb der Euro-Gruppe übernehmen. Einer, auf den sich die großen Länder, also Deutschland, Frankreich und Italien verlassen können. Genau so war es bisher. Jean-Claude Juncker, zeitweise zugleich Finanzminister und Premier des Großherzogtums Luxemburgs, war mehr als acht Jahre lang der ideale Vorsitzende. Juncker, der in den 1990er Jahren persönlich die Währungsunion mit aushandelte, leitete die Treffen der Euro-Finanzminister und erstattete den Staats- und Regierungschefs später auf deren Gipfeln Bericht darüber. Sicher, auch Juncker steuerte manchen Schlingerkurs, aber er hielt alle Insassen an Bord.

Nun will Juncker gehen, und die Crew sucht einen Kapitän, dem sie zutraut, Kurs zu halten. Mario Monti stand auf ihrer Liste, Übergangspremier in Rom. Der Italiener ist in südlichen und nördlichen Länder gleichermaßen beliebt, und doch kann - und will - Monti nicht. Sein Landsmann Mario Draghi dirigiert bereits die Europäische Zentralbank und damit die Geldpolitik des Euro-Klubs. Und Monti will zuerst seine eigentliche Aufgabe erledigen: Italien wieder auf den richtigen Kurs zu bringen.

Kandidaten aus jüngeren Euro-Ländern sind aussichtslos

Von der Liste gestrichen ist auch der finnische Premier Jyrki Katainen. Die südlichen Länder wollen keinen Vorsitzenden aus einem Land, das seine Hilfen für klamme Partner an Extra-Garantien knüpft. Katainen hat zudem genug zu tun, seine Sechs-Parteien-Koalition zu führen. Auch die Niederlande scheiden aus, dort muss die Minderheitsregierung gerade um ihr Bestehen zittern. Und Belgien hat in Herman Van Rompuy als Präsidenten der Euro-Gipfel schon einen Landsmann auf einem Spitzenposten.

Aussichtslos sind auch Kandidaten aus den jüngeren Euro-Ländern. Der Klub kann es sich angesichts der andauernden Krise einfach nicht leisten, aus diplomatischem Proporz heraus einen unerfahrenen Kapitän auf die Brücke zu schicken. Griechenland ist zwar beruhigt, aber nicht über den Berg. Zudem wird dort - und in Frankreich - in ein paar Wochen gewählt, niemand mag wetten, wie es dann weitergeht. Derweil kämpfen die großen Euro-Länder Italien und Spanien gegen Arbeitslosigkeit und schwindende Wirtschaftskraft. Gemessen an dem, was auf dem Spiel steht, hat Schäuble zweifellos die richtige Statur.

Ein idealer Kandidat ist er dennoch nicht. Bereits nach der Bundestagswahl 2013 könnte er sein Amt als Finanzminister verlieren - und damit auch den Vorsitz in der Euro-Gruppe. Sie müsste einen neuen Vorsitzenden suchen. Freilich, so weit muss es nicht kommen. Jean-Claude Juncker hat auch in der Vergangenheit schon des öfteren über Amtsmüdigkeit geklagt - und ist dann doch auf der Brücke geblieben.

© SZ vom 19.03.2012/fran

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