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Salafismus als Jugendkultur:"Auf skurrile Weise ein Mehr an Gleichstellung"

Sie sagen, dass sich die Mädchen der Szene freiwillig für streng islamische Kleidung entscheiden. Was kann daran attraktiv für junge Frauen sein?

In meinen Interviews mit verschleierten Studentinnen kam heraus: Das stärkste Motiv außer Provokation war Emanzipation. Aus ihrer Sicht laufen Frauen in Deutschland halbnackt herum und lassen sich auf Äußerlichkeiten reduzieren. Zum anderen kommen praktisch alle der türkisch- und arabischstämmigen Frauen aus Milieus, die nicht religiös, sondern traditionell-konservativ sind: In diesen Familien dürfen die Jungen alles, die Mädchen gar nichts. Bei den Salafisten dürfen die Mädchen zwar immer noch nichts - aber die Jungen dürfen auch nichts! Das ist auf skurrile Weise ein Mehr an Gleichstellung.

Aber die Szene besteht nicht nur aus den Akademikern, mit denen Sie gesprochen haben.

Ich habe beispielsweise auch mit einer ehemaligen Prostituierten gesprochen: Wenn eine aussteigen und konvertieren will, dann reißen sich Salafisten für die einen Arm aus. Das gilt auch für straffällige Jugendliche. Ein Satz, den ich mehrfach gehört habe, ist: "Die Salafisten sind eigentlich die besseren Sozialarbeiter."

Der Unterschied ist, dass ein echter Sozialarbeiter nicht für Fundamentalisten rekrutieren will.

Ja, aber die Salafisten machen ein Angebot, das wenige gesellschaftliche Akteure machen: Du kannst sofort neu anfangen! An einem Stand, an dem sie den Koran verteilen, stehen Leute, die vielleicht vor einer Woche konvertiert sind und schon missionieren - die haben noch gar keine Ahnung! Das ist für junge Menschen, die bisher wenig Anerkennung erfahren haben, unheimlich attraktiv.

Salafismus ist aber mehr als eine harmlose Jugendkultur. Der Islamische Staat rekrutiert aus der Szene, die Attentäter von Paris hatten entsprechende Kontakte.

Ich bin kein Terrorexperte, sondern beschäftige mich mit Jugendkulturen. Aber offensichtlich kann man sich wie ich eineinhalb Jahre in salafistischen Kreisen bewegen, ohne Dschihadisten zu treffen. Dennoch gibt es dort sicher einige. Straffällige Menschen fühlen sich - wie andere Menschen in schwierigen Lebenslagen - von solchen Gruppen angezogen. Deshalb sind ja auch manche Gefängnisse Rekrutierungsbüros.

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