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Salafismus als Jugendkultur:Es geht um Sexualität, Rassismus und Verschwörungstheorien

Leben wie im Mittelalter, klingt nach Nostalgie.

In einer komplexen Gesellschaft ist es kein Alleinstellungsmerkmal der salafistischen Szene, sich an der Vergangenheit zu orientieren. Wir vertrauen auf Naturheilkunde, Yoga, wollen unseren Bauern wieder kennenlernen. Auffällig ist, dass Salafisten nichts anderes beschäftigt als Nostalgie. Es gibt keine Vision, keine Innovation. Die beste Zeit war aus ihrer Sicht die Gründungszeit des Islam, und es wird keine bessere kommen. Eine rückwärtsgewandte Ideologie, die davon ausgeht, dass man unsere Gesellschaft mit Kompromissen oder Reformen nicht mehr in die richtige Richtung drehen kann.

Als Provokation funktioniert das aber nur in Ländern wie Deutschland.

Richtig. Verschleierte Frauen oder Männer mit einem bestimmten Bart - das ist auch Realität in Iran oder Saudi-Arabien. Doch dort ist es die Norm, die Leute kleiden sich unter Zwang so, unter Androhung von Strafen. In Deutschland ist es in der Regel selbstbestimmte Abgrenzung. Dieselben Symbole, die einen dort unauffällig machen und vor Repression schützen, machen einen hier auffällig und führen zu Problemen.

Provozieren per Jugendkultur - liegt der Attraktivität des Salafismus, der vielen Angst macht, ein Generationenkonflikt zugrunde?

Man kann in Deutschland von nichts anderem ausgehen. Alle salafistischen Gruppen sind extrem jung. Wir wissen, dass die meisten arabisch- und türkischstämmigen Salafisten aus wenig religiösen Familien kommen, sie haben nur einen abstrakten muslimischen Hintergrund. Was sie mit den Konvertiten aus nicht-muslimischen Familien gemeinsam haben, wurde lange nicht erkannt. Auch für Arabisch- und Türkischstämmige geht das Provokationspotential in beide Richtungen: Nicht nur gegen die Mehrheitsgesellschaft, die sie ausgrenzt. Sondern auch in die eigene Community hinein - gegen die eigenen Eltern.

Also frei nach der Band "Ton, Steine, Scherben": "Ich will nicht der Muslim werden, der mein Alter ist." Was stört die Jugendlichen am Islam ihrer Eltern?

Zum einen waren die Muslime in Deutschland wenig religiös - sonst würden die extrem religiösen Jugendlichen jetzt nicht so auffallen. Zum anderen wurden und werden die Eltern, aber auch gemäßigte Islamverbände, als schwach wahrgenommen. In den Augen der Salafisten hat diese Schwäche mit einem Mangel an Religiosität zu tun.

Was haben die Prediger gemäßigten Imamen voraus?

Ich war in salafistischen Moscheen und muss sagen: Für Jugendliche ist das einfach attraktiver. Vom ersten Satz an sprechen die Prediger Themen an, die junge Menschen interessieren: Sexualität, Probleme in der Schule - Themen, die in gemäßigten Moscheen keine Rolle spielen. Das liegt auch daran, dass die meisten charismatischen Salafisten keine ausgebildeten Theologen sind und auch nicht so reden. Die können Jugendsprache, docken an Alltagsprobleme an, predigen auf Deutsch. Oft geht es um Rassismus, Ausgrenzung und Doppelmoral - selbstverständlich nicht die des Salafismus, sondern der westlichen Politik. Und um Verschwörungstheorien.