Sahra Wagenknecht Team Sahra sucht mehr Unterstützer

Jene will Wagenknecht erreichen, "die sich verärgert und entmutigt von den etablierten Parteien abgewendet haben".

(Foto: dpa)
  • Sahra Wagenknecht will mit einem neuen Bündnis erreichen, dass Menschen, die soziale Ungerechtigkeit beklagen, sich wieder durch linke Politiker vertreten fühlen.
  • Vorbild sind Bündnisse wie "Momentum", eine Bewegung junger Linker in Großbritannien, und der Ex-US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders.
  • Das Projekt soll Anfang September offiziell starten und trägt den Namen "Aufstehen".
Von Jens Schneider, Berlin

Schon der lange Vorlauf zeigt an, dass dieses Projekt mit einem großen Aufschlag starten soll. Die lange Vorbereitung dürfte freilich auch damit zu tun haben, dass das Vorhaben sich schwierig gestaltet. Seit einigen Monaten widmet Sahra Wagenknecht, die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Linken, einen großen Teil ihrer Zeit den Vorbereitungen für den Start einer parteiübergreifenden linken Sammlungsbewegung. Die populäre Linken-Politikerin will mit der Bewegung "jene vielen wieder erreichen, die sich in den vergangenen Jahren verärgert und entmutigt von den etablierten Parteien abgewendet haben." Es gehe um die "Befreiung aus dem Neoliberalismus". Der Unmut vieler Menschen über die ungerechte Gesellschaft solle wieder eine Stimme bekommen.

So skizzierte Wagenknecht Ende Juni in einem Gastbeitrag in der Welt die Bewegung, für die es seit dieser Woche einen Starttermin gibt. Am 4. September soll es losgehen, das kündigte sie jetzt in ihrem Newsletter "Team Sahra" an. Eigentlich sollte der Start schon im Frühsommer sein. Er wurde verschoben, die Vorbereitungen hakten. Damals wurde in linken Kreisen, wo das Projekt nicht ohne Argwohn verfolgt wird, längst gespottet, dass es wohl zu wenige namhafte Unterstützer gebe, die nicht schon als übliche Verdächtige jeden früheren Aufruf unterzeichneten.

Tatsächlich suchte der Gründer-Kreis, der dem Vernehmen nach nicht nur Linkspolitiker umfasst, noch weitere Weggefährten. Zudem seien technische Fragen zu lösen gewesen, heißt es. Die Bewegung soll über das Internet schnell Dynamik gewinnen, Interessenten sollen sofort Rückmeldung bekommen. Das müsse vorbereitet werden. Wagenknecht hatte auch nicht im Blick, dass die Fußball-WM stattfinden würde, wird erzählt - die hätte dem Auftakt Aufmerksamkeit nehmen können. Nun gibt es den Projektnamen "Aufstehen", wie der Spiegel berichtet, der zunächst geheim gehalten wurde - ebenso wie weiterhin Namen der Erstunterzeichner geheim sind, die auch von der SPD, Grünen, den Gewerkschaften und der Kulturszene kämen.

"Wir wollen den Rechten die Lufthoheit nehmen", sagt Unterstützer Fabio De Masi

"Es gibt ein Konzept für den Auftakt", sagt Fabio De Masi, der Bundestagsabgeordnete der Linken zählt zu den Mitgründern. "Den Gründungsaufruf werden sicher um die 40 oder 50 Leute unterzeichnen." Im Zentrum soll zunächst die Webseite stehen. Man hat aufmerksam beobachtet, wie die AfD vor allem über ihre enorme Präsenz und viele aktive Unterstützer in den digitalen Medien stark wurde. Sie wollen nun das Netz für die linke Bewegung nutzen. "Wir wollen den Rechten die Lufthoheit nehmen", so De Masi. "Wir müssen die Spielfelder wechseln und nicht den Themen der Rechten hinterherlaufen, sondern das in den Mittelpunkt stellen, was viele Menschen bewegt: Leiharbeit, Wuchermieten oder Pflegenotstand."

Dem Projekt liegt die Idee zugrunde, dass zwar linke Parteien derzeit keine Mehrheit haben, sich aber viele nach einer linken Politik sehnen. So wolle man Bürger erreichen, die einst die SPD wählten und sich von ihr nicht mehr vertreten fühlen. Ein unkonventioneller Politikstil solle mit klassischen sozialen Forderungen verbunden werden. Dabei möchte die Politikerin Wagenknecht ungewohnte Gesichter einbinden, die zum überwiegenden Teil selbst keine Politiker sind. In diese Kategorie dürfte etwa Bernd Stegemann fallen. Der Autor des Buchs "Das Gespenst des Populismus" und Dramaturg am Berliner Ensemble zählt zu den Unterstützern.

Man orientiert sich an europäischen Vorbildern und am Erfolg von Bernie Sanders in den USA und hat sich dort die Entwicklung genau angeschaut. Es gibt Berater von der "Momentum"-Bewegung junger Linker in Großbritannien, die innerhalb der Labour Partei deren heutigen Chef Jeremy Corbyn unterstützte, sowie aus dem Umfeld von Sanders.

Wagenknecht stieß auch in der Spitze der eigenen Partei auf Argwohn, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hat. Dass an ihnen vorbei eine Bewegung aufgebaut wird, irritierte die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger. Beide warnten vor einer Konkurrenzveranstaltung zur Linken.

SPD und Grüne versuchen die Sache zu ignorieren oder versehen sie mit Spott. Öffentlich bekannt haben sich wenige prominente Sozialdemokraten wie der linke Bundestagsabgeordnete Marco Bülow oder der einst bedeutende Sozialpolitiker Rudolf Dreßler. "Unser Ziel ist nicht, die SPD kaputt zu machen", sagt De Masi. "Wir wollen eine Kanzlerin oder einen Kanzler wie Corbyn oder Sanders in Deutschland."

Der Erfolg dürfte sich zunächst an der Resonanz im Netz bemessen. Wagenknecht freute sich gerade in ihrem Newsletter, dass ihn nun 25 000 Menschen beziehen. Das müsste man schon um ein Vielfaches übertreffen.

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