Russlands Rolle im Fall Skripal Nicht überall hat die britische Argumentation restlos überzeugt

Hinzu kommen nach britischen Angaben nachrichtendienstliche Erkenntnisse, dass Russland in den vergangenen Jahren an Methoden gearbeitet habe, Nervengifte einzusetzen. "Wahrscheinlich für Attentats-Zwecke," heißt es in einem britischen Dossier. Hierfür seien auch kleine Mengen von Nowitschok hergestellt worden. In ihren Präsentationen für die Partnerländer erklären die Briten den Anschlag zum jüngsten Beispiel für Russlands destabilisierendes Verhalten, in einer Reihe mit der Besetzung der Krim, der vermuteten Beeinflussung der US-Wahlen oder dem Abschuss der Passagiermaschine von Flug MH-17. Auch zwei deutsche Beispiele tauchen auf, der "Fall Lisa" über eine angebliche Vergewaltigung eines deutschen Mädchens mit russischen Wurzeln durch Flüchtlinge und der Hacker-Angriff auf den Bundestag im Mai 2015. Als ersten Beleg aber nennen die Briten einen Anschlag aus dem November 2006: Den Mord durch hochgiftiges Polonium an Alexander Litwinenko, einem russischen Geheimdienstler, der zum MI 6 überlief.

Nicht überall hat die britische Argumentation restlos überzeugt. Bei manchen europäischen Nachrichtendiensten wird sie zwar als "plausibel" oder "wahrscheinlich" eingestuft, es gebe schließlich kein anderes wahrscheinliches Szenario. Andere Dienste aber sind vorsichtiger und halten die russische Urheberschaft für "möglich." Zwingende Beweise jedenfalls scheinen auch zwischen den Geheimdiensten nicht ausgetauscht worden zu sein. Offiziell will sich niemand äußern, die Sache ist heikel, es folgt der Hinweis, die Politik habe sich schließlich schon "festgelegt." Dafür meldete sich der ehemalige BND-Chef Gerhard Schindler zu Wort: "Ich glaube die Beleglage ist nicht so robust", sagte er.

Könnte das Gift Kriminellen in die Hände gefallen sein?

Tatsächlich sind andere Szenarien nicht ausgeschlossen. Das Geheimnis der Nowitschok-Kampfstoffe kam durch Überläufer in den Westen. Die Liste der Staaten, die das Gift produzieren konnten, ist ziemlich lang. Könnte es Kriminellen in die Hände gefallen sein? Manche Analysten zweifeln zudem daran, dass der Kreml ausgerechnet vor der anstehenden Fußball-WM in Russland eine gezielte Liquidation in Auftrag gegeben haben soll. Die Behauptung von Außenminister Johnson, Putin stecke "höchstwahrscheinlich" persönlich dahinter, hat selbst bei manchen Verbündeten Kopfschütteln hervorgerufen. Das tun allerdings auch die immer wilderen Verschwörungstheorien aus Moskau. Zuletzt erklärte der Chef des Auslandsgeheimdienstes SWR, es handele sich um eine "groteske, von amerikanischen und britischen Geheimdiensten ausgeheckte Provokation."

Selbst europäische Spitzendiplomaten mahnen inzwischen, London müsse mehr Belege liefern. Man zweifele ja nicht daran, dass Russland destabilisiere und provoziere. Aber es entstehe der Eindruck, dass die bisher härteste Reaktion auf dieses Verhalten ausgerechnet auf einen Vorfall folge, bei dem die Beweislage eben doch nicht so eindeutig sei wie zunächst behauptet. Möglich ist allerdings, dass die Briten neben ihren "Plausbilitätsketten" über nachrichtendienstliche Erkenntnisse verfügen, die sie geheim halten, etwa, um die Quelle nicht zu gefährden.

Die Bundesregierung entschied sich jedenfalls für ein klein wenig Vorsicht. Aus Solidarität mit den Briten wies sie vier Diplomaten der russischen Botschaft in Berlin aus. Begründet wurde der Schritt allerdings ausdrücklich auch mit dem jüngsten Cyber-Angriff auf das deutsche Regierungsnetz und die Computer des Russland-Referats des Auswärtigen Amtes. Die Verantwortung russischer Hacker hierfür soll ziemlich gut zu belegen sein.

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