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Russland:Kreml-Kritiker mit Vergiftungssymptomen in Klinik eingeliefert

  • Der 33-jährige Kreml-Kritiker und ehemalige Weggefährte Nemzows, Wladimir Kara-Murza, ist in einer Moskauer Klinik ins künstliches Koma versetzt worden.
  • Mitstreiter gehen davon aus, dass der Oppositionelle vergiftet wurde. Seine Angehörigen erwägen eine Medikamentenunverträglichkeit.
  • Kara-Murza hatte sich an der Fertigstellung eines Berichts beteiligt, der das Engagement russischer Truppen in der Ostukraine belegen soll.
  • Er warb immer wieder in den USA dafür, russische Politiker auf die US-Sanktionsliste zu setzen.

Ein enger Mitarbeiter des Ende Februar ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow ist möglicherweise vergiftet worden. Nachdem der 33-jährige Wladimir Kara-Murza am Mittwoch in eine Moskauer Klinik eingeliefert worden war, stellten die Ärzte plötzliches Nierenversagen fest, der Patient wurde in ein künstliches Koma versetzt. Die Ursache für die plötzliche Erkrankung konnte nicht gefunden werden, die Symptome deuteten jedoch auf eine Vergiftung hin, hieß es.

Wladimir Putin Vom Vize-Premier zum Regimekritiker Bilder
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Ermordung von Boris Nemzow

Vom Vize-Premier zum Regimekritiker

Er galt mit nicht einmal 40 Jahren als möglicher Nachfolger von Boris Jelzin, war Vize-Premier, dann Putin-Kritiker. Nun ist Boris Nemzow ermordet worden. Stationen seines Lebens.

Während Mitstreiter Kara-Murzas davon ausgehen, dass der Oppositionelle wegen seiner politischen Aktivität Opfer eines Anschlags wurde, ist seine Familie zurückhaltender. Sein Sohn könnte etwas Verdorbenes gegessen haben, mutmaßte Kara-Murzas Vater. Später sagte er, der Mord an Nemzow habe seinen Sohn sehr mitgenommen, er habe deshalb viele Medikamente gegen Depression genommen. Möglicherweise sei die Erkrankung die Folge einer Unverträglichkeit.

Belege für die Beteiligung des russischen Militärs am Krieg in der Ostukraine

Eine enge Freundin Kara-Murzas sagte der Süddeutschen Zeitung dagegen: "Ja, ich glaube es war Gift." Kara-Murzas Engagement ging weit hinaus über die Arbeit in der Republikanischen Partei Russlands - Partei der Volksfreiheit (RPR Parnas), deren Vorsitzender Boris Nemzow gewesen war.

Er beteiligte sich an der Fertigstellung des Berichts "Putin - der Krieg", den Nemzow vor seinem Tod begonnen hatte und den seine Mitarbeiter im April vorstellten. Auf 65 Seiten stellte er Belege für die Beteiligung des russischen Militärs am Krieg in der Ostukraine zusammen. Für die Stiftung Offenes Russland des ehemaligen Öl-Unternehmers Michail Chodorkowskij organisierte Kara-Murza Seminare und hielt die Kontakte zu Aktivisten in der Provinz.

Kara-Murza warb dafür, russische Politiker auf die Sanktionsliste der USA zu setzen

Wiederholt hat Wladimir Kara-Murza in den USA dafür geworben, russische Politiker und Beamte auf Sanktionslisten zu setzen - zunächst Mitarbeiter von Steuer- und Sicherheitsbehörden, die in Verbindung mit dem Tod des Steueranwalts Sergej Magnitskij stehen, der 2009 in einem Moskauer Gefängnis starb. Nach dem Mord an Nemzow forderte er, dass diejenigen, die den Hass gegen Nemzow geschürt haben, ebenfalls auf die Sanktionsliste kommen. Auf nichts reagiert die russische Führung aber derzeit so empfindlich wie auf Handlungen, die sie als Verrat und Einmischung von außen einstuft - besonders aus Washington. Vor einigen Wochen hatten Ermittler Büroräume von Chodorkowskijs Stiftung Offenes Russland in Moskau durchsucht.

Immer wieder Fälle von Vergiftungen bei Kreml-Kritikern

"Meine Kollegen und ich machen uns große Sorgen um Wolodja", schrieb Chodorkowskij aus dem Züricher Exil auf Facebook. "Über die Gründe werde ich später sprechen, wenn wir alles überprüft haben." Sobald es möglich sei und wenn die Verwandten einverstanden sind, werde er ins Ausland gebracht.

In den vergangenen fünfzehn Jahren wurden immer wieder Kreml-Kritiker Opfer rätselhafter Vergiftungen. 2003 starb der Journalist Jurij Schtschegotschichin vermutlich an den Folgen einer Vergiftung in einem Moskauer Krankenhaus. 2006 starb der Ex-KGB-Agent Alexander Litwinenko in London durch Polonium. 2008 erkrankte die Anwältin Karina Moskalenko, die sich darauf spezialisiert hatte, russische Fälle vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu bringen.