Gefahr der Kirchenspaltung Beben von historischem Ausmaß erschüttert die orthodoxe Kirche

Geht bisher einen eigenen Weg: die Ukrainische Orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat.

(Foto: Valentyn Ogirenko/Reuters)

Sogar von "Invasion" ist die Rede: Die russische Orthodoxie schäumt vor Wut, denn der Patriarch von Konstantinopel zeigt sich bereit, eine eigenständige Kirche in der Ukraine anzuerkennen.

Von Julian Hans, Moskau

Es klang, als sei ein Krieg ausgebrochen. Und tatsächlich erschüttert ein Beben von historischem Ausmaß die orthodoxe Kirche auf der ganzen Welt. Von einer "Invasion" auf ihr Territorium sprachen die Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche, die sich am vorigen Wochenende im Moskauer Danilow-Kloster zu einer außerordentlichen Synode versammelt hatten.

Die scharfen Worte richteten sich an Bartholomaios I, den Patriarchen von Konstantinopel. Russlands Klerus ist in Rage, seit Bartholomaios am 7. September zwei Gesandte beauftragte, die Bildung einer autokephalen, also eigenständigen Kirche in der Ukraine vorzubereiten. Er folgt damit dem beharrlichen Drängen aus Kiew. Im April hatte das ukrainische Parlament um die Akzeptanz der Eigenständigkeit gebeten. Im August verlieh der Präsident Petro Poroschenko dem Anliegen bei einer Audienz in Istanbul noch einmal Nachdruck. Vor der Präsidentschaftswahl im nächsten März wäre es ein großer Erfolg, wenn eine eigenständige ukrainische Kirche von den Glaubensbrüdern aus aller Welt anerkannt wird.

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Die Ablösung ist derweil schon lange im Gange. Die Kirche spiegelt dabei in gewissem Maße die Politik wider. Als der Kiewer Metropolit Philaret nach der Auflösung der Sowjetunion nicht wie erhofft zum Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche gewählt wurde, kehrte er Moskau 1992 den Rücken und gründete die Ukrainische Orthodoxe Kirche - Kiewer Patriarchat. Es folgte ihm aber nur ein Teil der Gemeinden, die übrigen firmieren weiter als Ukrainische Orthodoxe Kirche - Moskauer Patriarchat. Andere orthodoxe Kirchen haben das Kiewer Patriarchat nie anerkannt. Die beiden Exarchen sollen nun im Auftrag von Bartholomaios nach einem Weg suchen, die ukrainischen Kirchen zu einer autokephalen zu einen. Dass die beiden Gesandten zwar ukrainischer Abstammung sind, aber ausgerechnet aus Kanada und den USA kommen, liefert Moskau Futter für Verschwörungstheorien, wonach die Welt von Amerika gelenkt wird.

Leidtragende des Streits seien die Gläubigen in der Ukraine, sagt die Theologin Regina Elsner vom Zentrum für Osteuropa- und Internationale Studien in Berlin (ZOIS). Für sie sei oft zweitrangig, ob ihre Gemeinde zum Moskauer Patriarchat gehört oder zu Kiew. Die Gottesdienste folgten dem gleichen Ritus, die Menschen verehrten dieselben Heiligen, "trotzdem werden sie behandelt, als gehörten sie nicht zur Gemeinschaft der orthodoxen Christen".

Das Prinzip der Autokephalie stammt aus der Zeit vor den Nationalstaaten. In Imperien gewährleisteten eigenständige Kirchen eine gewisse Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Gemeinschaft - eigentlich ein offeneres und freieres Modell als in der auf Rom ausgerichteten katholischen Kirche. Weil in den Ostkirchen aber auch das Prinzip der Symphonia gilt, der harmonischen Beziehung von Staat und Kirche, hatte die Entstehung von Nationalstaaten auch unmittelbare Auswirkung auf die Kirchen und ihr Verhältnis untereinander.

Vergeblich versuchte der russische Patriarch Kyrill bei einem Besuch Ende August in Istanbul Bartholomaios umzustimmen und seine Oberhoheit über die orthodoxe Kirche in der Ukraine zu retten. Das Verhältnis zwischen den beiden ist allerdings schon seit geraumer Zeit getrübt. Zwar gibt es in der orthodoxen Christenheit keinen Papst, der hierarchisch über allen anderen steht. Gleichwohl gilt der Patriarch von Konstantinopel als Erster unter Gleichen.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat seit den 1990er-Jahren enorm an Reichtum, Einfluss und Selbstbewusstsein gewonnen - nicht zuletzt dank der Unterstützung des Staates, der seinerseits Loyalität einfordert (und bekommt). In rechtskonservativen Kreisen ist zudem die Idee von Moskau als "drittes Rom" wieder populär, der zufolge die russische Hauptstadt nach Rom und Byzanz heute das wahre Zentrum des Christentums sei.

Zuletzt hatten die Russen deutliche Signale gesandt, dass sie als größte orthodoxe Kirche nicht bereit sind, sich anderen unterzuordnen. Vor zwei Jahren sagten sie ihre Teilnahme am großen Konzil der orthodoxen Kirchen auf Kreta kurzfristig ab. Das erste allorthodoxe Konzil der Neuzeit war über ein halbes Jahrhundert vorbereitet worden.

Mit der Anerkennung einer autokephalen Kirche in der Ukraine würde Kyrill I. bis zu einem Drittel seiner Gemeinden verlieren. Und damit auch Einnahmen, Immobilien und Besitztümer. Russische Staatsmedien malen bereits Horrorszenarien von blutigen Kämpfen um Kirchengebäude. Moskau beruft sich auf den Titel Kyrills als "Patriarch von Moskau und der ganzen Rus", womit die ehemaligen Siedlungsgebiete der ostslawischen Stämme gemeint sind, dort liegen heute die Staaten Weißrussland und Ukraine.

Als erste Reaktion hat das Moskauer Patriarchat alle Verbindungen zu Istanbul eingestellt. Der Patriarch von Konstantinopel wird in den Gottesdiensten nicht mehr ins Gebet einbezogen. Sollte Bartholomaios seine "antikanonische Tätigkeit" fortsetzen, sehe man sich gezwungen, die eucharistische Gemeinschaft aufzukündigen, hieß es. Es wäre die größte Kirchenspaltung, seit Rom und Byzanz getrennte Wege gingen - vor fast 1000 Jahren.