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Russland:Sie sind Iwan Golunow

Proteste gegen Polizei-Willkür in Russland

Unterstützer des Enthüllungsjournalisten Golunow zeigen Zeitungsartikel mit dem Titel ´Ich bin/Wir sind Iwan Golunow" während der Proteste in Moskau.

(Foto: dpa)
  • Mehr als tausend Menschen zogen am Mittwoch aus Solidarität mit dem Journalisten Iwan Golunow auf die Straße.
  • Sie forderten, dass die Verantwortlichen für seine Festnahme bestraft werden.
  • Die Demonstration war nicht genehmigt, die Polizei nahm mehr als 400 Menschen fest.

Der Journalist Iwan Golunow ist frei, aber die Wut ist noch da. Mehr als tausend Menschen zogen am Mittwoch über die Boulevards der Innenstadt zur Moskauer Behörde für Inneres. Dorthin, wo einzelne Unterstützer bereits über Tage für die Freilassung des investigativen Journalisten Golunow demonstriert hatten.

Der Marsch hat am Ende einmal mehr gezeigt, wie wenig Meinungsfreiheit die Mächtigen in Moskau zulassen wollen. Die Polizei kam mit großem Aufgebot, um den Protest einzuschränken. Sie hatte Straßen gesperrt und Busse aufgestellt, mit denen sie Demonstranten abtransportierte. Mehr als 400 Menschen nahm sie fest, zählte die Bürgerrechtsorganisation Owd-Info, unter ihnen mehrere Initiatoren der Aktion und einige Journalisten. Auch ein Mitarbeiter des Spiegel-Büros in Moskau wurde festgenommen, trotz Akkreditierung, inzwischen aber wieder freigelassen. Zahlreiche Bilder und Videos dokumentieren, wie die Polizei Demonstranten gewaltsam abführt. Auch den Oppositionellen Alexej Nawalny drängen sie in einen der Polizeibusse . Die Mächtigen seien "furchtbar erschrocken wegen der fantastischen und einmütigen Solidaritätsbekundung", schrieb er auf Twitter.

Iwan Golunow war am späten Dienstagabend freigelassen worden, nachdem er am Donnerstag vergangener Woche wegen angeblichen Drogenbesitzes verhaftet worden war. Seither war die Unterstützung für ihn in Russland und im Ausland groß gewesen, sogar Staatsmedien äußerten Zweifel an den Anschuldigungen gegen ihn. Am Dienstagabend erklärte der russische Innenminister, alle Vorwürfe fallen und Golunow frei zu lassen - eine für Russland äußerst ungewöhnliche Wendung.

Der öffentliche Druck und auch der angekündigte Marsch am Mittwoch hätten dazu beigetragen, berichtet Dmitri Muratow, früher langjähriger Chefredakteur der Nowaja Gaseta, dem Online-Portal "The Bell". Muratow war demnach an den Verhandlungen für die Freilassung beteiligt.

Doch die Behörden konnten den Solidaritätsmarsch auch damit nicht mehr verhindern. Der sei weiterhin wichtig, schrieben die Initiatoren am Dienstagabend auf Facebook. Sie fordern, dass diejenigen, die hinter der Verhaftung von Iwan Golunow stehen, bestraft werden. Die Genehmigung für die Kundgebung fehlte ihnen jedoch auch am Dienstagabend noch. Jeder müsse daher selbst entscheiden, ob er teilnehme, schrieben sie.

Nach Polizeiangaben kamen schließlich 1200 Menschen. Die Demonstranten liefen friedlich durch die Straßen, in kleinen Parks auf den Boulevards sangen manche und spielten Gitarre. Sie forderten Gerechtigkeit für Golunow und Freiheit für alle, die unschuldig verfolgt werden. Manche stimmten die Nationalhymne an, gratulierten einander zum "Tag Russlands", dem russischen Nationalfeiertag an diesem Mittwoch, an dem die Unabhängigkeit Russlands nach Auflösung der Sowjetunion gefeiert wird.

Manche Demonstranten trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Ich bin/Wir sind Iwan Golunow", den auch schon drei führende Tageszeitungen gemeinsam am Montag auf ihrem Titelblatt hatten. Der Slogan "Freiheit für Iwan Golunow" ist längst auch symbolhaft zu verstehen. Er bleibt eine Forderung nach freier Presse, gegen eine korrupte Justiz, die Willkür der Mächtigen und gegen die gängige Praxis in Russland, unbequeme Menschen durch falsche Anschuldigung aus dem Weg zu räumen. Und irgendwie auch dagegen, friedlich demonstrierende Menschen festzunehmen, was bei fast jedem Protest in Moskau geschieht. Die nächste Demonstration ist für Sonntag angekündigt, diesmal mit Genehmigung der Behörden.

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