Kontroverse in Russland Die 500 000-Euro-Uhr des Putin-Sprechers

Putin-Sprecher Dmitrij Peskow trug auf seiner Hochzeit eine Uhr, die angeblich 500 000 Euro gekostet haben soll.

(Foto: AP)
  • Der oppositionelle russische Blogger Alexej Nawalny veröffentlicht im Internet Bilder, auf denen Putin-Sprecher Dmitrij Peskow eine angeblich 500 000 Euro teure Uhr trägt.
  • Das erinnert an Meme, die es auch über deutsche Politiker immer wieder gibt - und die als oberflächlich kritisiert werden.
  • Doch im repressiven Russland sind plakative Aktionen das einzige Mittel der Opposition, ein Publikum außerhalb der eigenen Blase zu erreichen.
Von Hannah Beitzer

Putins Sprecher Dmitrij Peskow hat eine ehemalige Eiskunstläuferin geheiratet, in einem Luxushotel in Sotschi. Am Handgelenk trug er eine Uhr mit einem Totenkopf als Ziffernblatt, die - so schreibt es der russische Blogger Alexej Nawalny hinterher auf Twitter und Instagram - umgerechnet 500 000 Euro kosten soll.

Wie kann sich Peskow das leisten, der nach offiziellen Angaben etwas mehr als 100 000 Euro im Jahr verdient?, fragt Nawalny, der in Russland mit einem Blog über Korruption und Vetternwirtschaft bekannt geworden ist. Nawalny ist sich sicher, dass das nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Erklärung, dass es sich bei der Uhr - sie stammt dem Blogger zufolge aus der exklusiven Manufaktur Richard Mille - um ein Hochzeitsgeschenk seiner Frau handle, nehmen Oppositionelle Peskow nicht ab. Und verbreiten Fotos im Netz, auf denen die Uhr schon lange vor der Hochzeit auftaucht.

Flugs verbreiten sich mehr und mehr Bilder, Fotomontagen mit witzigen Unterzeilen - zum Beispiel ein Bild mit dem Totenkopf-Ziffernblatt, unter dem "Gorko" steht, der russische Hochzeitsgruß. Peskows Uhr wird, so schreibt es die russische Ausgabe der BBC, zum "internationalen Internet-Hit".

#Merkelstreichelt auf russisch?

Das erinnert an ganz ähnliche "Internet-Hits" in Deutschland - zum Beispiel #merkelstreichelt oder das Bild vom G-7-Gipfel, auf dem Merkel vor Obama stehend ihre Arme ausbreitet. Meme, die viele kritisch sehen: Oberflächlich seien sie, plakativ, taugten ausschließlich für kurzfristige Empörungswellen, die die dahinterliegenden politischen Fragen zwar streiften, aber zu wenig in die Tiefe gingen.

In Russland kommt es häufig gar nicht zu derartiger Kritik, weil die kremltreuen Massenmedien die Aktivitäten der Opposition lieber ignorieren. "Internationaler Internet-Hit" ist da oft gleichbedeutend mit: Interessiert Leute außerhalb Russlands. So war das zum Beispiel mit einem Youtube-Video, in dem zwei Männer händchenhaltend durch Moskau liefen und von Passanten beschimpft wurden.

Über die Uhren-Geschichte schreibt nun immerhin die reichweitenstarke russische Boulevard-Zeitung Komsomolskaja Prawda, schlägt sich allerdings auf die Seite von Peskow: Die Uhr sei in Wahrheit gar nicht so teuer. Das Thema ist für den Kreml weit unangenehmer als Schwulenfeindlichkeit, die in Russland weit verbreitet und somit politisch lohnend ist. Denn Präsident Putin verspricht immer wieder, Korruption und Vetternwirtschaft zu bekämpfen, gern tritt er als bodenständiger Mann des Volkes auf. In Zeiten, in denen es der russischen Wirtschaft schlecht geht, das Land international isoliert dasteht, kommt es nicht gut, wenn sich seine Elite auf Kosten der Wähler bereichert.

Plakativ? Muss sein

Die Uhr von Putin-Sprecher Peskow wird damit zu einem Symbol für ein ganzes System, das Korruptions-Blogger Nawalny schon seit vielen Jahren anprangert. Und die plakative Zuspitzung versteht, wer die Situation der russischen Opposition kennt. Sie arbeitet sich bisher vergeblich an Putin ab, sieht sich Anfeindungen, Schauprozessen und Bedrohungen bis hin zum Mord ausgesetzt. Und gilt spätestens seit Ausbruch der Ukraine-Krise in Russland als "Fünfte Kolonne" des Westens. Ein ernsthafter, fairer politischer Diskurs kann so gar nicht stattfinden.

Besonders bitter ist für Oppositionelle wie Nawalny die Erkenntnis, dass sich das Internet in Russland mitnichten zu einer Insel der Meinungsfreiheit entwickelt hat - so hofften es Putin-Kritiker noch in dessen erster Amtszeit in den Nullerjahren. Stattdessen sehen sich die Russen heute in den sozialen Netzwerken und Blogs lauter, greller Kreml-Propaganda ausgesetzt, die um ein Vielfaches wirkmächtiger ist als all die oppositionellen Blogs und Internetzeitungen.

Plakative Anschuldigungen wie die gegen Peskow sind da für Leute wie Nawalny die einzige Möglichkeit, wenigstens kurz über die oppositionelle Blase hinauszukommen.

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