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Russische Gesellschaft:Ein Land wählt das Schweigen

People mourn inside School Number One during a ceremony commemorating the victims of the 2004 hostage crisis in the southern Russian town of Beslan

Gedenkveranstaltung in der Schule Nummer 1, zehn Jahre nach der Tragödie von Beslan.

(Foto: REUTERS)

"Macht mit uns oder in unserem Namen, was immer ihr mögt": Die russische Gesellschaft hat Wladimir Putin schon vor langer Zeit die Carte blanche gegeben. Es begann vor zehn Jahren mit der Tragödie von Beslan.

Gastbeitrag von Sergej Lebedew

Das Motto der heutigen russischen Innen- und Außenpolitik lautet "Alles ist erlaubt". Es ist erlaubt, Menschen ins Gesicht zu lügen. Es ist erlaubt, Soldaten ins Nachbarland zu schicken und dann so zu tun, also gäbe es sie an dem Ort, an den man sie selbst geschickt hat, gar nicht. Es ist erlaubt, mittels Propaganda die niedersten Instinkte der Menschen zu wecken und zu behaupten, dies sei Patriotismus. Es ist erlaubt, dies mit dem Wohlergehen der eigenen und mit dem Leben anderer Bürger zu bezahlen. Und zu wissen: Die Gesellschaft nimmt es hin.

Aber das alles hat nicht erst gestern oder vorgestern angefangen. Der Wendepunkt war die Tragödie von Beslan, die sich vor genau zehn Jahren ereignet hat: Anfang September 2004 wurden mehr als tausend Menschen, die meisten von ihnen Kinder, in der nordossetischen Stadt Beslan von tschetschenischen Terroristen als Geiseln genommen, in der "Schule Nummer 1". Das ganze Land, und auch die Welt, stand unter Schock.

Zur Person

Sergej Lebedew, geboren 1981 in Moskau, ist Autor und Journalist. Er arbeitet derzeit bei der pädagogischen Zeitschrift Erster September. Sein Roman "Der Himmel auf ihren Schultern" erschien 2013 im S. Fischer Verlag.

Nichts geht über das Leben eines Kindes. Und so schien es in den ersten Stunden nach der Geiselnahme, als würden zugunsten der Befreiung der Kinder alle sonstigen Prinzipien und politischen Erwägungen und Zweckmäßigkeiten über Bord geworfen, als würden alle möglichen und unmöglichen Hebel in Bewegung gesetzt. Aber das ist nicht passiert.

Eine Frage der Ethik

Stattdessen fanden sich die Schüler von Beslan plötzlich zwischen zwei Fronten wieder: zwischen Terroristen, die bereit waren, die Kinder zu erschießen, um einen Truppenrückzug aus Tschetschenien zu erreichen, und dem Staat, der bereit war, diese Kinder zugunsten seiner Truppen zu opfern. Noch am ersten Tag hatten die Terroristen einen Zettel übergeben, auf dem sie Verhandlungen mit dem ehemaligen Innenminister Ruschajlo, dem ossetischen Präsidenten Dsasochow und dem inguschischen Präsidenten Sjassikow forderten.

Doch keiner dieser Männer tauchte zu irgendwelchen Verhandlungen in der Schule auf. Schließlich übergaben die Terroristen einen zweiten Zettel mit Forderungen, von denen der Truppenrückzug die wichtigste war. Auch dieses Ansinnen wurde nie zum Gegenstand von Verhandlungen.

Sergej Lebedew ist Journalist, Autor und Russland-Experte.

(Foto: S. Fischer Verlag)

Die Terroristen stellten keine Forderungen, behauptete das Staatsfernsehen stattdessen zu einem Zeitpunkt, an dem der Inhalt des zweiten Zettels in Beslan bereits bekannt war. Die Mütter schrien in die Fernsehkameras: "Gebt ihnen in allem nach, rettet unsere Kinder!" Und auf den Bildschirmen der staatlichen Fernsehsender erschien die zweite nach unten korrigierte Zahl der Geiseln: 354. Tatsächlich waren es 1128.

Am dritten Tag verloren einige Kinder das Bewusstsein. Und dann begann der Angriff. Zwei Explosionen waren zu hören, die Terroristen eröffneten das Feuer auf die Geiseln und russische Spezialeinsatzkräfte stürmten in das Gebäude. 334 Menschen, darunter 186 Kinder, kamen dabei ums Leben.

Wladimir Putin verweigerte Verhandlungen, als das Leben Hunderter Kinder auf dem Spiel stand. Natürlich, Regierungen sehen die Frage unterschiedlich, ob man mit Terroristen verhandeln sollte. Aber ich glaube, jede Regierung eines westlichen Landes hätte sich in einer Situation wie dieser darauf eingelassen. Weil es eine Frage der Ethik ist.

"Macht mit uns, was immer ihr mögt"

Außerdem hätte die Gesellschaft verlangt, solche Verhandlungen aufzunehmen. Jede beliebige Regierung, die nicht alles versucht hätte, um Kinder auf friedlichem Weg zu befreien, hätte zurücktreten müssen. In Russland dagegen musste nach Beslan nicht ein einziger Verantwortlicher auf nationaler Ebene sein Amt abgeben. Außerdem gab es, außer in Beslan selbst, keine einzige Massendemonstration mit der Forderung, Gespräche aufzunehmen.

Wie ist das möglich? Der zweite Tschetschenienkrieg hatte den Ruf nach einer starken Führung geweckt. Unabhängige Fernsehsender wurden dichtgemacht. Bei den Wahlen 2003 kamen keine wirklichen Oppositionsparteien ins russische Parlament - und sie bekamen seither nie mehr den nötigen Prozentsatz an Stimmen.

Nichts und niemand kann die Regierung aufhalten

Die Ereignisse in Beslan zeigten der russischen Elite und dem Präsidenten, wie wenig ihre Handlungen kontrolliert werden und wie viel die Wähler ihnen nachsehen. Auch die Gesellschaft lernte ihre Lektion: Nichts und niemand kann die Regierung bei der Verfolgung ihrer Interessen aufhalten. Sie geht sogar über Kinderleichen, wenn es unumgänglich erscheint. Diese Lektion hat jeder verinnerlicht.

Nur ein Jahr nach dem Terroranschlag fand in Moskau eine Gedenkveranstaltung statt unter dem Motto "Ohne Worte". Über den Roten Platz marschierte man mit einer schwarzen Fahne, auf der "Ohne Worte" geschrieben stand, und junge Leute der regierungsnahen Jugendorganisation Naschi (Die Unsrigen) standen in schwarzen T-Shirts mit der gleichen Aufschrift auf einem anderen Platz im Zentrum Moskaus. Es schlug eine Glocke, und alle schwiegen.

Einige Eltern, deren Kinder getötet worden waren, hatten sich dagegen in der Vereinigung "Stimme Beslans" zusammengetan und schrieben zur gleichen Zeit: "Wir sind gezwungen, in einem Land zu leben, wo die Staatsanwaltschaft lügt und Gesetzesbrüche begeht, wo Beamte falsches Zeugnis geben vor Gericht und selbst der Präsident am Gedenktag öffentlich die Mütter und Väter der ums Leben gekommenen und der verletzten Kinder hintergeht. Die Lüge aufrechtzuerhalten, es seien 354 Geiseln gewesen, das ist die Entscheidung unseres Präsidenten. Ihm fällt es leichter, seine Ignoranz zu zeigen, als seine Sicherheitskräfte für ihre totale Inkompetenz und Korruptheit zu bestrafen."

Doch das Land wählte das Schweigen. Recherchen von Journalisten, Untersuchungen unabhängiger Expertenkommissionen interessierten keinen. Aber die oben zitierte Verlautbarung der "Stimme Beslans" wurde in die nationale "Liste extremistischer Materialien" aufgenommen.

Um die Tragödie von Beslan entstand eine Zone des Schweigens. Die Trauer und der Respekt vor den Toten dienen als Erklärung dafür, warum man keine Fragen zu stellen hatte. Das Gedenken an die Toten dient als Entschuldigung dafür, die Überlebenden zu vergessen, die darauf brennen, endlich die wahre Antwort zu erfahren auf ihre Frage: Wie konnte das passieren?

Deshalb braucht man sich nicht über das zu wundern, was heute geschieht. Die Gesellschaft hat der Regierung schon vor langer Zeit die Carte blanche gegeben: "Macht mit uns oder in unserem Namen, was immer ihr mögt."

Aus dem Russischen von Tamina Kutscher/n-ost

© SZ vom 02.09.2014/fued
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