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Rio de Janeiro:Der Teufel tanzt Samba

Der Bürgermeister will Zuschüsse für den Karneval kürzen.

Não deixe o samba morrer ("Lass den Samba nicht sterben"), so heißt eines der berühmtesten Lieder des Karnevals von Rio de Janeiro aus den 1970er-Jahren. Mitten im Juni 2017 wird es auf den Straßen der Stadt von Demonstranten gesungen. Aus dem Text von damals, als melancholische Liebeserklärung gemeint, ist ein Schlachtruf gegen eine konkrete Bedrohung geworden. Viele Cariocas fragen sich jetzt tatsächlich, ob der Samba zugrunde geht. Das von Krisen geplagte Rio streitet gerade um das Herzstück seiner Identität.

Bürgermeister Marcelo Crivella, seit Jahresanfang im Amt, will die Subventionen für Sambaschulen um die Hälfte kürzen. Das eingesparte Geld, rund 3,5 Millionen Euro, soll angeblich in Kindertagesstädten investiert werden. Das klingt erst einmal vernünftig. Rio hat vor einem Jahr den Finanznotstand ausgerufen. Vor allem im Gesundheits- und Bildungsbereich ist die Lage dramatisch. Und nach einem gewaltigen Verlustgeschäft, das sich Olympische Spiele nannte, wurde alles nur noch schlimmer. Trotzdem bläst Crivella nun ein Sturm der Entrüstung entgegen: Von den Kulturschaffenden, wichtigen Medien und unzähligen Karnevalsfreunden heißt es, seine Ankündigung sei demagogisch. Das mit Abstand wichtigste Volksfest der Stadt dürfe nicht gegen die Kinder ausgespielt werden, für deren Betreuung die Lokalpolitik ohnehin zuständig sei. Crivella wird vorgehalten, einen billigen Vorwand zu benutzen, um Rio in seinem Sinne zu bekehren.

Er ist ein früherer Bischof und Exorzist einer evangelikalen Sekte, die den ausschweifenden, afrobrasilianisch geprägten Karneval für einen teuflischen Sündenfall hält. Im Februar schrieb Crivella Stadtgeschichte - als erster Bürgermeister, der sich weigerte, die berühmte Parade der Sambaschulen zu eröffnen. Dessen ungeachtet vermarktet das Rathaus sie weiter als "größte Show des Planeten".

In dem Streit steht nun auch etwas eigentlich Undenkbares im Raum: Die Sambaschulen drohen, diese Show nächstes Jahr ausfallen zu lassen. Sie sagen, sie bräuchten Planungssicherheit, um ihre Umzugswagen zu bauen, die bis zu fünf Stockwerke haben und fahrenden Häusern gleichen. Der Begriff "escola de samba" führt dabei in die Irre. Eine Sambaschule ist keine Schule, sondern ein Großunternehmen, vielleicht am ehesten vergleichbar mit einem Profisportklub. Die berühmtesten wie "Mangueira", "Portela" oder "Salgueiro" beschäftigen über das Jahr hinweg Tausende Wagenbauer, Schreiner, Kostümdesigner, Schneiderinnen und Choreografen. Beim traditionellen Defileé durch das von Oscar Niemeyer errichtete Sambódromo liefern sie sich einen knallharten Wettbewerb. Es geht um Aufstieg und Abstieg, sehr viel Ruhm und Geld. Die Meisterschaft im Samba bedeutet in Rio mehr als jeder Fußballtitel. Schätzungsweise 200 000 Jobs in der Stadt hängen direkt oder indirekt von dem Spektakel ab. Obendrein lockt es jährlich rund eine Million Touristen an, weshalb auch Hotelbesitzer gegen Crivellas Sparpläne auf die Barrikaden gehen.

Rios größte Zeitung O Globo hat einen plausiblen Schlichtungsvorschlag. Wäre es nicht besser, einen Teil der Millionen, die der Karneval abwirft, in Kitas zu investieren, anstatt den Samba sterben zu lassen?