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Richard von Weizsäcker und die deutsche Einheit:Der Missverstandene

Richard von Weizsäcker wird 90

Richard von Weizsäcker bei einer Rede anlässlich des 60. Geburtstages von Bundeskanzler Kohl im April 1990.

(Foto: dpa)
  • Richard von Weizsäcker mahnte schon früh, das wiedervereinigte Deutschland müsse zusammenwachsen, dürfe aber nicht unangemessen schnell und unkontrolliert "zusammenwuchern".
  • Anders als viele West-Politiker verstand er es, die Sorgen und Nöte der Bürger im Osten wahrzunehmen und zu artikulieren.
  • Wo Kanzler Kohl noch den Eindruck vermittelte, die Einheit sei quasi zum Nulltarif zu haben, sprach Weizsäcker von der Notwendigkeit des Teilens.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Es ist der Tag danach, der Tag nach dem Fall der Mauer. Vielleicht auch Tag zwei. Richard von Weizsäcker meinte, es müsse der 10. oder der 11. November 1989 gewesen sein. Am Abend des 9. hatten die Grenzsoldaten der DDR an der Bornholmer Brücke die Mauer aufgemacht. Weizsäcker saß an dem Abend im Auto von Westdeutschland zurück nach Berlin. Er verfolgte im Radio die Ereignisse. "Freudig erregt" sei er gewesen.

Eine Freude, die ihn, den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, auf die Idee brachte, an diesem 10. oder 11. November allein über den Potsdamer Platz zu gehen. Der war damals eine Ödnis. Der Todesstreifen war hier weit mehr als hundert Meter breit. Weizsäcker spazierte auf die Mauer zu. Ein Wachhäuschen der DDR-Grenztruppen in Sicht. Etwa 50 Meter davor ein Grenzsoldat. Er salutierte und rief Weizsäcker zu: "Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse!"

Es ist eine Geschichte, die viel über das Verhältnis der Bürger der DDR zum westdeutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker erzählt. Vielen galt er als ihr Präsident, noch bevor die Mauer gefallen war. Und erst recht, als es sie nicht mehr gab. Marion Gräfin Dönhoff schrieb 1994 in der Zeit eine Würdigung seiner beiden Amtszeiten von 1984 bis 1994: Weizsäcker sei "ein Präsident für alle Bürger" gewesen.

"Zusammenwachsen ja, aber nicht zusammenwuchern"

Wohl auch, weil er die Sorgen der Bürger aus dem Osten ernster nahm als etwa der Machtpolitiker Helmut Kohl, dem Weizsäcker schon damals zum Intimfeind geworden war.

Altkanzler Willy Brandt, wie Weizsäcker einst Regierender Bürgermeister von Berlin, hatte in den Wendetagen den Satz geprägt: "Es wächst zusammen, was zusammen gehört." Weizsäcker ergänzte ihn später um einen Satz, der ihm viel Ärger unter jenen einbrachte, die die Einheit zügig über die Bühne bringen wollten: "Zusammenwachsen ja, aber nicht zusammenwuchern."

Weizsäcker zu unterstellen, er hätte die Einheit Deutschlands nicht mit der gleichen Hingabe gewollt wie fast der ganze Rest der Republik, wäre falsch. Er, der große Analytiker, war nur in der Lage, die Probleme nicht allein in den technischen, rechtlichen und ökonomischen Fragen zu sehen. Weizsäcker wollte vielmehr verhindern, schrieb Robert Leicht im April 2010 in der Zeit, "dass der Zug zur Einheit im allzu rapiden Tempo entgleist". Er wollte die Menschen mitnehmen. Sie nicht überfahren.

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