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Rechtsradikale in der Mongolei:Die Angst vor China

In den Worten der Mongolin schwingt viel Frust mit. Hans van Ess, Professor für Sinologie und Mongolistik in München, bestätigt das: "Ich kenne keinen Mongolen, der nicht unterschwellige Angst vor China hat." Das sei nichts Neues. Schon in den neunziger Jahren sagte ein Mongole zu van Ess: "China ist für uns eine tödliche Gefahr." Er selbst dürfe bei seinen Reisen keinem Mongolen verraten, dass er Sinologie lehrt.

Der Grund für die Angst vor dem Nachbarn liegt auf der Hand. Den gerade mal 2,7 Millionen Mongolen stehen 1,3 Milliarden Chinesen gegenüber. China ist übervölkert, während die Mongolei dünnbesiedelt und noch dazu reich an Rohstoffen ist. Dass deshalb viele Chinesen in das Nachbarland auswandern, ist nicht verwunderlich. Doch wenn Ackerbauern, wie es die Chinesen sind, sich in einem Land ansässig machen, in dem die Menschen Nomaden sind und dessen Boden für Landwirtschaft nicht geeignet ist, sind Konflikte programmiert.

Das beste Beispiel dafür ist eine chinesische Provinz, die einst zur Mongolei gehörte und deshalb noch heute den Namen "Innere Mongolei" trägt. Als sich die Mongolei 1911 nach jahrhundertelanger Herrschaft durch die Mandschuren für unabhängig erklärt, blieb das Gebiet der Inneren Mongolei in den Händen der Chinesen. Diese taten dort vieles, was der einheimischen Nomadenkultur widerspricht: Sie bauten Häuser und versuchten, in dem kalten, rauen Steppenland Felder anzulegen. Der Boden der mongolischen Steppe ist jedoch nur kurz fruchtbar und muss sich dann erholen. Zu stark beansprucht bietet er den mongolischen Viehherden keine Nahrung mehr. Inzwischen sind die Nomaden aus der Inneren Mongolei weitestgehend verschwunden; man findet sie nur noch in ein paar wenigen Gegenden. Die chinesische Kultur hat die ureigene Identität der Mongolen verdrängt.

Heutzutage sind die Mongolen ohne ihren großen Nachbarn nicht überlebensfähig. Sie beziehen einen Großteil der Produkte aus China, darunter lebensnotwendige Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse und geraten damit in eine Abhängigkeit. Das thematisieren auch die Neonazis. Das abschreckende Beispiel der Inneren Mongolei vor Augen, wettern sie gegen China und wollen vor allem eine Vermischung mit den Chinesen verhindern. Dayar Mongol, eine der Neonazi-Bewegungen, schert dem Guardian zu Folge Frauen, die mit Chinesen schlafen, den Kopf. Der Anführer von Blue Mongol hat den Angaben zufolge vor drei Jahren den Freund seiner Tochter ermordet, weil er in China studierte.

Die Chinesen nehmen den Hass, der ihnen entgegenschlägt, nicht wahr. "Sie sehen sich als Helfer, die Gutes tun, Essen bringen und Aufbauhilfe leisten", erklärt der Sinologe van Ess. "Sie sehen die Mongolen eher als Brüder und halten den Hass für ein vereinzeltes Phänomen. Sie wissen allerdings auch, dass die Mongolei ohne sie nicht überleben kann."

Mehr als ein Drittel der mongolischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Alkohol, jugendliche Banden und Arbeitslosigkeit sind ein guter Nährboden für rechtsradikales Gedankengut. "Unter diesen Bedingungen ist es leicht, eine Gruppe von Menschen um sich zu scharen", meint van Ess. Die Stimmung im Land sei aufgeladen. "Ich habe oft kein gutes Gefühl und gehe abends nicht alleine auf die Straße." Er vermutet, dass die Ausländer, die überfallen wurden, die Verhaltensregeln des Landes nicht gut genug kannten. Die Einheimischen wissen ganz genau, was sie tun können und was sie besser lassen sollten. Die Gewalt beziehe sich nicht nur auf Chinesen und andere Ausländer, erklärt van Ess. Es herrsche auch Gewalt untereinander. Der aufkommende Rechtsextremismus sei nur Teil des nationalen sozialen Problems. "Ausländer, die überfallen werden, sind Opfer sozialer Probleme, die sie nicht einschätzen können."