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Rechter Terror:"Wo Hass in Gewalt umschlägt, haben Neonazis Vorarbeit geleistet"

Polizei-Einsatz in Heidenau

August 2016: Die Polizei versucht, eine rechte Demo in Heidenau unter Kontrolle zu bringen.

(Foto: Getty Images)

Deutschland muss sich nicht nur besser gegen islamistischen Terror schützen, sondern auch gegen den von Rechten, meint Journalistin Andrea Röpke. Sie befürchtet sonst die Bildung einer gefährlichen militanten Szene.

Andrea Röpke beschäftigt sich seit 20 Jahren intensiv mit der rechtsextremen Szene. Die 51-Jährige drehte Beiträge über Neonazi-Veranstaltungen, zeigte, wie Kinder in einem Zeltlager nach Vorbild der Hitlerjugend gedrillt wurden. In ihrem aktuellen "Jahrbuch rechter Gewalt" dokumentiert sie rechte Übergriffe und beschreibt an einzelnen Fällen, wie Rechtsextreme gezielt eine Stimmung des Hasses schaffen.

SZ: Die Zahl rechter Übergriffe ist explodiert, in Ihrem "Jahrbuch rechte Gewalt" haben Sie über ein Jahr lang 1000 Fälle dokumentiert. Sie reichen von Beleidigungen über Brandstiftung bis hin zu schwerer Körperverletzung. Im Alltag werden solche Meldungen nur noch mit einem Schulterzucken bedacht. Warum gibt es nicht mehr Empörung?

Andrea Röpke: Es ist schwierig für Menschen in dieser schnelllebigen Zeit den Überblick zu behalten. Schockierende Meldungen gibt es jeden Tag und es fehlt die Zeit, sich intensiver damit zu beschäftigen. Die Folge ist Resignation. In dem wir die Fälle klassisch in einem Buch zusammengefasst haben, findet zunächst einmal eine Entschleunigung statt. Der Leser kann in Ruhe nachlesen, nach seiner Region suchen. Damit geben wir den Taten wieder ein Forum, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Die schiere Zahl der Fälle wirft die Frage auf: Hat Deutschland nicht nur ein Problem mit islamistischem, sondern auch mit rechtem Terror?

Auf jeden Fall. Trotz allem leben wir privilegiert in einem sicheren Land, nur leider gilt das nicht für alle Menschen. Es gibt mittlerweile viele Orte in der Bundesrepublik in denen Rechte die Jagd eröffnet haben - auf Menschen, die ihnen nicht passen. Chemnitz zum Beispiel erklärten Neonazis zu ihrer befreiten Zone. Tatsächlich wurde das Büro einer Linkenpolitikerin dort 22 Mal im letzten Jahr angegriffen, sie musste es räumen. In Bautzen patrouillieren rechte Jugendliche auf den Straßen, um Flüchtlinge und alternative Jugendliche einzuschüchtern. Immer wieder kommt es zu Angriffen. Allerorts werden Menschen wegen ihrer Hautfarbe zusammengeschlagen. Über 140 Mal wurden Flüchtlingseinrichtungen attackiert. Dieser alltägliche Terror verschwindet im Schatten der schrecklichen Taten von Islamisten, wie dem Terroranschlag am Breitscheidplatz.

Sie beschäftigen sich seit mehr als 20 Jahren mit Rechtsextremismus und Rassismus. Was hat sich seitdem veränder?

Leute schimpfen heute an der Supermarktkasse über Merkel. Es ist cool "Patriot" zu sein, das lautstark zu zeigen. In der S-Bahn geht es gegen die "Volksverräter". Frauen, Studenten, Rentner tragen einen Hass in sich, der auch in Gewalt umschlagen kann. Bürgermeister bekommen Morddrohungen von bisher unauffälligen Bürgern. Das ist eine ganz andere Intensität als früher. Einstige Neonazi-Parolen wurden vom wütenden Bürger von nebenan längst übernommen.