Reaktionen auf Griechenland-Wahl "Griechen unters Joch"

Das "Drachmageddon" ist ausgeblieben: Einen Tag nach der Schicksalswahl in Griechenland fragt sich Europa, was es mit dem knappen Wahlergebnis anfangen soll. Während die Zeitungen in Spanien und Italien Berlin in der Pflicht sehen, spricht der "Guardian" von einer tiefen Kluft. In Griechenland feixen die Sportblätter bereits, das sie niemand aus dem Euro bekommt.

Zumindest im Sport haben die Griechen derzeit klare Verhältnisse. Nach ihrem Sieg über Russland stehen sie im EM-Viertelfinale gegen Deutschland. Grund genug, die ewige Schuldenkrise für einen Moment zu vergessen und neues Selbstbewusstsein zu schöpfen. "Ihr werdet Griechenland niemals aus dem Euro kriegen", jubelte die Sportzeitung Goal News.

Ein Mann in Athen liest die Schlagzeilen der griechischen Tageszeitungen einen Tag nach der Wahl.

(Foto: AFP)

Während diese Frage im Fussball schon am kommenden Freitag entschieden wird, erscheint die politische Situation nach der Wahl deutlich verfahrener. Trotzdem reagierte die griechische Presse erleichtern auf die Wahlergebnisse. "Uff! Sieg der Nea Dimokratia", titelte das Boulevardblatt Dimokratia. "Ergebnis - ein Atemzug für das Land" schrieb die konservative Athener Zeitung Kathimerini. Erst jetzt gebe es einen "stabilen Boden".

Während in Griechenland die Erleichterung überwiegt, zeigt sich das restliche Europa skeptisch.

Der britische Guardian schreibt betont ratlos. "Es ist nicht klar, was sich geändert hat. Es gibt keine Mehrheit, kein Fundament für eine stabile Regierung und erst recht keine Perspektive auf schnelle Erholung." Europas Norden müsse sich rasch zwischen zwei Optionen entscheiden. Entweder er verhandle die Verträge für neues Geld zu weicheren Bedingungen neu aus - oder er schaue zu, wie die griechischen Banken mit einem großen Knall in die Luft fliegen. "Entscheidet er sich für den zweiten Weg, folgt die Amputation vom ersten europäischen Gliedmaß."

Systemische Krise weiter möglich

Für Spanien und Italien wäre das ein Horrorszenario. Beide Länder stehen wie Griechenland im Schussfeld der Märkte. Spanien musste erst vergangene Woche Geld aus Europa annehmen. In den Südländern schauen die Zeitungen nun auf Deutschland und Frankreich. Die Probleme in Griechenland, das von dem Sparkurs erstickt wird, blieben die gleichen, schreibt die linksliberale El Pais. "Es bleibt die Gefahr einer systemischen Krise, nicht nur in Griechenland, sondern auch in Spanien und Italien." Die Staatsführer der Eurozone müssen nach Ansicht des Blatts eine klare Botschaft für den Euro lancieren. "Die Dirigeten haben Zeit gewonnen, aber einen weiteren Aufschub können sie sich nicht leisten."

Die linksliberale römische Tageszeitung La Repubblica sieht nach dem Wahlsieg der griechischen Konservativen jetzt vor allem Berlin in der Pflicht. "Nur schwerlich wird Deutschland weiterhin immer nur 'Nein' sagen können. Die einzige wirkliche Gefahr nach der Antwort der Griechen an den Wahlurnen ist, dass Berlin sich nun der falschen Hoffnung hingibt, den x-ten Notstand überwunden zu haben, und glaubt, sich noch Zeit lassen zu können." Beim nächsten EU-Gipfel müssten Draghi, Monti und Hollande Angela Merkel klar machen, dass man sich ein weiteres Scheitern nicht erlauben könne.

Die Neue Züricher Zeitung aus der Schweiz sieht die Verantwortung ebenfalls nicht mehr nur in Griechenland. "Die entscheidende Frage wird sein, wie groß der Spielraum wirklich ist. Das allerdings wird nicht in Athen entschieden", schreibt die Zeitung. Auch eine Regierung mit den Konservativen an der Spitze sei noch keine Gewähr dafür, dass Griechenland in der Euro-Zone verbleiben könne. "Der Chef der Nea Dimokratia, Antonis Samaras, verlangt ebenso wie die Pasok eine Aufweichung des von den Geldgebern verordneten strengen Sparkurses, der Griechenland zerstört."

"Die Griechen müssen unter das Joch"

Genau diese Ohnmacht macht dem belgischen De Standaard große Sorgen. "Die Griechen müssen unter das Joch. Das ist es, was die Eurokrise mit Ländern und Völkern macht: sie haben nur noch die Wahl zwischen Unterwerfung oder finanziellem Untergang." Der Schaden sei deswegen viel größer als die verbrannten Milliarden. "Die Idee der Einigung Europas ist fatal untergraben. Die Schicksalsverbundenheit, die wir Schritt für Schritt aufgebaut hatten, scheint nur noch eine Fassade zu sein. Die Unterschiede in den Ansichten zu Politik und Wirtschaft, ja zum Leben selbst, sind nicht bloß Nuancen, sondern unüberbrückbare Widersprüche."

Während aus dem Land der EU-Hauptstadt Brüssel solche Totenrufe auf Europa erklingen, zeigt sich der Neuling Slowakei optimistischer. Die liberale slowakische Tageszeitung Sme erkennt einen Lernprozess. "Die Griechen sind klüger geworden und haben gelernt, dass sie zwar beleidigt die Radikalen von rechts und links wählen können, aber damit ihre Schulden trotzdem unbezahlt bleiben. Schade, dass sie das erst im Juni bei der neuerlichen Wahl verstanden haben. Aber auch Europa hat dazugelernt, dass sich da, wo nichts mehr ist, auch nichts nehmen lässt - weder vom Teufel noch von Brüssel. Und dass Sparen zwar nötig ist, aber jemand, den man an die Wand drückt, eben beginnt zu treten."