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Randale in Nordirland:Gewalttätiger Gruß aus der Vergangenheit

Die Bilder erinnern an die blutigen siebziger Jahre: Vermummte Demonstranten werfen im nordirischen Belfast Pflastersteine und Brandbomben, Wasserwerfer fahren auf. Zwei Nächte in Folge kommt es zu Straßenkämpfen mit mehr als 60 verletzten Beamten. Politiker sprechen von geplanten Aktionen.

Von "versuchtem Mord" sprach Terry Spence, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft. Er danke allen Beamten für ihren Einsatz: "Ihre Tapferkeit und ihr Mut steht im krassen Gegensatz zu den feigen Schlägern, die für die Mordversuche verantwortlich sind." Ein Sprecher der örtlichen Polizei sagte dem Belfast Telegraph, er sei stolz, "wie meine Kollegen der Gefahr begegnet sind. Aber ich bin traurig und wütend, dass wir erneut der gravierenden Gewalt ausgesetzt waren."

Nach zwei gewaltsamen Nächten in Folge herrscht Alarmstimmung bei der nordirischen Polizei. Mehr als 60 Beamte sollen bei Ausschreitungen zwischen anti-britischen Republikanern und pro-britischen Loyalisten verletzt worden sein. Die Randalierer gingen mit Wurfgeschossen und Brandsätzen auf die Polizisten los. Diese begegneten der Gewalt mit Schlagstöcken und Wasserwerfern.

Die Unruhen waren in der Nacht von Sonntag auf Montag ausgebrochen. Auslöser war eine Parade von etwa 300 katholischen Republikanern durch loyalistisches, protestantisch geprägtes Stadtgebiet. Beide Seiten werfen einander vor, Schuld an den Ausschreitungen zu sein.

Flammt der Konflikt wieder auf?

Die Veranstalter des "Republikanischen Netzwerks für Einigkeit" machten die Loyalisten für die Gewalt verantwortlich. Der evangelische Oranierorden sprach hingegen von einem geplanten Angriff der Gegenseite. Der republikanische Politiker Alban Maginness sagte, "paramilitärische Loyalisten" würden hinter der Gewalt stecken.

Über dem Streit schwebt die Frage: Flammt der Nordirland-Konflikt wieder auf? Britische Journalisten verweisen auf die "marching season", die Saison der Parademärsche, in der Auseinandersetzungen beider Seiten nichts Außergewöhnliches sind. Traditionalisten und Ewiggestrige werfen sich dann in Tracht, um den historischen Konflikt zwischen Iren und Briten, Katholiken und Protestanten oder auch Republikanern und Loyalisten folkloristisch aufleben zu lassen. Sie werden von der Parade Commission reglementiert, einer öffentlichen Einrichtung, die bestimmte Routen und Lieder verbieten kann und so Provokationen verhindern soll.

Bloody Sunday als trauriger Höhepunkt

Die Mehrzahl der Paraden wird von protestantischen Gruppen abgehalten. Allein der Oranierorden marschierte der offiziellen Statistik 2011 zufolge 1271 Mal, etwa anlässlich der Schlacht am Boyne (11. Juli 1690), aus der der Protestant Wilhelm von Oranien als Sieger über den katholischen Jakob II. hervorging.

Die Republikaner sind seltener zu sehen (2011: 76 Märsche). Sie feiern etwa den Osteraufstand von 1916, der als einer der Auslöser für die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien gilt, die 1921 vollzogen wurde. ( Mehr Hintergrund zum Nordirland-Konflikt gibt es in diesem Themenspezial der BBC.)

Das Ausmaß der Gewalt in den zwei zurückliegenden Nächten weckt jetzt Erinnerungen an die Hoch-Zeiten des Nordirland-Konflikts, der mit dem Bloody Sunday in Derry am 30. Januar 1972 - damals erschossen britische Fallschirmjäger 14 Menschen - seinen traurigen Höhepunkt erreichte.