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Psychologie von Pegida:In Sachsen gibt es kaum Muslime

Dass es in Sachsen kaum Muslime gibt, ist gerade die Bedingung dafür, dass hier der Islam als Popanz aufgebaut werden kann, unter dem Menschen unterschiedlicher Gruppierungen sich versammeln. Im Westteil von Berlin wäre das wohl nicht möglich, weil hier die Muslime bereits eine Realität darstellen, von der keine wirkliche Bedrohung ausgeht. Wo keine Realität da ist, blüht das Imaginäre.

Der imaginäre Feind hat eine therapeutische Wirkung. Die Negation des Feindes verhilft Menschen, die sich abgehängt fühlen, zu einem Zugehörigkeitsgefühl. Der imaginäre Feind holt sie wieder ins Sein zurück. Übers Imaginäre finden sie in die Gesellschaft zurück. Es verhilft ihnen dazu, sich zu artikulieren, sich zu zeigen, ja überhaupt da zu sein. Wenn man ihnen den imaginären Raum, den imaginären Feind wegnähme, würden sie hart auf den Boden der Realität aufschlagen und wieder in die diffuse Angst oder in das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören, versinken.

"Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt"

Dem imaginären Feind steht "Wir sind das Volk" gegenüber. Wie der Islam ist das Volk im imaginären Raum angesiedelt. Die Menschen, die verunsichert sind, die das Gefühl haben, nicht mehr dazuzugehören, geraten in eine Identitätskrise. So beanspruchen sie das Volk als identitätsstiftende Instanz. Auch der Konstrukt des Feindes stiftet eine Identität.

Schon Carl Schmitt hat das erkannt: "Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Aus diesem Grunde muss ich mich mit ihm kämpfend auseinandersetzen, um das eigene Maß, die eigene Grenze, die eigene Gestalt zu gewinnen." Das Problem ist nur, dass der Feind in unserem Fall im Imaginären angesiedelt ist. Daher ist es nicht möglich, sich mit ihm "kämpfend" auseinanderzusetzen. Vom imaginären Feind führt kein Weg zur eigenen Gestalt, zur eigenen Identität.

Das Konstrukt des imaginären Feindes verdrängt die Ebene des Realen, auf der allein die wirklichen Probleme erkannt, benannt und angegangen werden können. Innerhalb des Imaginären lässt sich kein reales Problem lösen. Wenn die Menschen irgendwann wieder aus dem imaginären Raum herausfallen, werden sie erneut von diffuser Angst geplagt sein. Hier hilft ihnen nicht einmal das Volk, weil es seine Wirkung nur im Imaginären entfaltet.

Heiko Maas "Pegida ist eine Schande für Deutschland"
Bundesjustizminister Maas

"Pegida ist eine Schande für Deutschland"

Bundesjustizminister Heiko Maas verurteilt die umstrittenen Anti-Islam-Demonstrationen scharf. Er befürchtet eine neue Eskalationsstufe der Stimmungsmache gegen Zuwanderer und Flüchtlinge. "Jetzt trauen sich einige, ihre Ressentiments offen auszuleben."   Von Robert Roßmann

Nicht nur in Dresden sind Menschen verunsichert und von diffusen Ängsten geplagt. In Westdeutschland ist es aber nicht leicht, den Islam als einen imaginären Feind aufzubauen, weil die Realität stark dagegen spricht. Wenn es aber ihnen gelänge, ihrerseits einen imaginären Raum aufzubauen, so ließen sich auch dort Protestmassen mobilisieren. Ist also eine Revolution doch möglich? Wahrscheinlich nur in pervertierter Form. Menschen marschieren im Imaginären gegen einen Popanz.

Der Philosoph Byung-Chul Han lehrt an der Berliner Universität der Künste. Zuletzt erschien sein Buch "Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken".

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