Proteste in Syrien Es ist nicht die Frage, ob Assad untergeht - sondern wann

Es ist nicht mehr die Frage, ob das Assad-System untergeht, sondern nur noch, wann es fällt. Wer nach dem absehbaren Ende auf die Strahlkraft der Demokratie hofft, dürfte aber übel enttäuscht werden. Demokratie klingt säkular. Und der Damaszener Säkularismus ist das, was er in allen arabischen Staaten war: eine auf die Gesellschaft aufgepfropfte Kultur und Ordnung, die nie Wurzeln schlugen. Ja, gewisse Schichten haben Islam und Religion den Rücken gekehrt - Oberklasse, Bürokraten, Offiziere, Künstler, Schriftsteller. Aber die breite Masse? Nein, die nicht.

In den arabischen Ländern sind der Staat und die Gesellschaft nicht gleichberechtigt miteinander verwoben, sie existieren nebeneinander her. Die Menschen leben ohne Hilfe des Staats, müssen froh sein, wenn er sie nicht behelligt. Auf sein propagiertes Selbstverständnis pfeifen sie. Sie ziehen sich lieber in den Schutz ihrer Religionsgruppe, Kirche oder Sekte zurück.

Dass es in Syrien anders gewesen sein könnte, ist die Illusion derer, die beim Besuch fremder Länder selbstgefällig immer nur vor einem Spiegel posieren. Sie wollen bei den anderen stets nur die eigenen Wertvorstellungen entdecken. Aber Syrien hat sich in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren reislamisiert: über Koranschulen, soziale Netzwerke, den Alltagsislam.

Warum der alte und der junge Assad dies zugelassen haben, bleibt ihr Geheimnis. Sie jagten jeden politisierenden Islamisten gnadenlos, aber die Straßenprediger ließen sie gewähren. Das erweist sich im Aufstand als folgenreicher, als es eine islamistische Oppositionsfraktion im Parlament je hätte werden können.

Der Name Assad bleibt Sinnbild für Unfreiheit, Korruption und Gewalt. Der Staat des Vaters war drei Jahrzehnte lang Garant für bleierne Stabilität; sein weltlicher Staat war untrennbar mit der Daumenschraube verbunden. Auch der Junior zeigt den hässlichen Januskopf arabischer Macht: einerseits säkular, andererseits repressiv. Assads neue Reformpläne sind daher durchschaubar, sie zielen auf den Umbau des Staats von oben, mit unverhohlenem Anspruch auf den Machterhalt. Wer dem "Angebot" widerspricht, verlebt die Wartezeit auf das neue Syrien hinter Gittern, bestenfalls.

Wollte der Präsident den wirklichen Neuanfang, müsste er seine Schergen zügeln. 16 Geheimdienste, eine Armee, die auf aufsässige Bürger schießt, eine Polizei, die foltert und Kinder quält. Mit diesen menschenverachtenden Strukturen wird Assads neues Syrien keinen Staat machen. Und ohne sie wohl auch nicht mehr. Erfolgreiche Reformen verlangen inzwischen auch im Nahen Osten mehr als Wischen und Klicken auf dem iPad. Sie verlangen die Abkehr vom Alten und offenes Denken.