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Proteste im Nahen Osten und Nordafrika:Der arabische Augenblick

Das Volk hat seine Macht entdeckt: Der Aufstand der Massen in der arabischen Welt verbreitet sich von Land zu Land. Noch wirkt die Unruhe nicht bedrohlich. Doch niemand kann den Ausgang dieser Revolution vorhersagen.

Stefan Kornelius

Mit der Unkontrollierbarkeit eines Buschfeuers arbeitet sich der Aufstand der arabischen Massen von Land zu Land, sucht sich neue Entzündungsherde und weicht wie eine echte Flammenwand auch nicht zurück. Nirgendwo ist eine Regenfront in Sicht, die Winde drehen sich willkürlich. Heute blasen sie im Jemen, morgen in Senegal, übermorgen in den kurdischen Gebieten des Irak.

Pro-reform rally in Amman, Jordan

Die Unruhen verbreiten sich explosionsartig. Nicht überall muss der Umsturz so verhältnismäßig gewaltarm und zielführend ablaufen wie in Ägypten und Tunesien.

(Foto: dpa)

Tunis und Kairo haben die arabische Gemeinschaft gelehrt, dass Unterdrückung und Ausbeutung nicht zu ihrem Schicksal gehören müssen. Immer noch ist das Hauptmotiv für die Unruhen die erlittene Ungerechtigkeit, in Libyen so sehr wie in Jordanien - das macht die Protestbewegung so unterstützenswert und die Ereignisse bei aller Unkalkulierbarkeit im Kern sympathisch.

Freilich zeigt die explosionsartige Verbreitung der Unruhen auch, dass ein Umsturz nicht überall so verhältnismäßig gewaltarm und zielführend ablaufen muss wie in Ägypten und Tunesien. Die libyschen Exzesse demonstrieren das brutale Potential, das in den Regimen steckt. In Bahrain scheint das Herrscherhaus nach kurzer Unentschlossenheit verstanden zu haben, dass es mit Gewalt zwar vorübergehend für Ruhe sorgen, aber nicht dauerhaft seine Macht halten kann.

Der Inselstaat lebt besonders stark von seiner internationalen Verflechtung als Finanzzentrum und von seiner strategisch bedeutsamen Lage. Beides ist nutzlos für die Verbündeten im Westen und vor allem für die USA, wenn die politische Legitimation von den Sicherheitskräften mit Schrotflinten erlegt wird.

Im zweiten Monat der Protestwelle lässt sich nicht vorhersagen, wann und wie das Aufbegehren ein Ende finden und welche Gestalt die arabische Welt dann angenommen haben wird. Saudi- Arabien, neben Ägypten der zweite Stützpfeiler in der sunnitischen Welt, steht noch stabil, das Königshaus verlässt sich auf die Macht der Religion und des Öls. Aber der Unmut gegen den Herrscher beim Zwergennachbarn Bahrain wird dem Hause Saud eine Warnung gewesen sein: Nichts scheint mehr garantiert zu sein; das Volk hat seine Macht entdeckt.

Vielleicht ist es nun an der Zeit, historische Anleihen zu nehmen beim Revolutionsjahr 1989 und der Zeit danach, als eine Bürger- und Freiheitsbewegung in Mittel- und Osteuropa die politische, aber auch die geographische Landkarte des Kontinents neu ordnete. Könnte sich Ähnliches in der arabischen Welt wiederholen?

Das Potential ist vorhanden. Eine große Gruppe frustrierter, aber informierter Bürger, die sich der Bevormundung widersetzen und dabei ein hohes Risiko eingehen; ein gewaltiger Leidensdruck; der Ansporn durch die geglückten Revolutionen in Tunesien und Ägypten.

Der Jemen und der Irak könnten im schlimmsten Falle als Staaten sogar zerbrechen. Im Irak erhält der Wunsch der Kurden nach mehr Autonomie gerade neue Nahrung, im Jemen könnte ein Machtvakuum entstehen, der Staat könnte auseinanderfallen und unregierbar bleiben. Es gibt zum jetzigen Zeitpunkt keinen Grund, weshalb die Unruhen plötzlich stoppen sollten. Selbst Libyens Staatschef Muammar el Gaddafi wird mit jeder weiteren Maschinengewehrsalve den Zorn nur anheizen. Schon jetzt lässt sich sagen, dass er sich selbst (wieder einmal) in die Isolation getrieben hat. Seine Herrschaft ist von gestern.

Der Begriff "Unruhe" hat normalerweise etwas Bedrohliches. In der arabischen Welt wirkt er noch befreiend. Bisher herrschte die stabile Ruhe der Unterdrücker. Nun herrscht Unruhe, die sich gegen die Lähmung richtet. Die neue panarabische Bewegung ist eine Freiheitsbewegung, keine religiöse Bewegung. Selbst in Bahrain hat ihr das Herrscherhaus die bedrohliche religiöse Komponente, die Konfrontation zwischen Schiiten und Sunniten, zunächst genommen. Diesen positiven Charakter muss der Aufstand in Arabien nicht unbedingt behalten. Denn zu steuern ist er nicht.

© SZ vom 21.02.2011/bre
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